Erinnerungen von Kriegsteilnehmern und Kriegskindern

Aus 57.Infanterie-Division

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung


Nach Auszügen aus Niederschriften und Erzählungen von Angehörigen:
Danke an Albert Riß für diese Beiträge.

Hinweise des Verfassers:
Verwendung fanden bei diesen Beiträgen auch Originaldokumente der Kriegszeit, die entsprechend erörtert und erläutert wurden.
Das Wenige, was ich von meinem im Jahre 1990 verstorbenen Vater weiß, versuchte ich darzustellen. Einige Dinge, die beschrieben   
sind, erlebte ich bewusst in den letzten Kriegsjahren als kleiner Junge.





Allgemeines

Der deutsche Soldat

(Eine Bewertung von Marschall Schukow in seinen "Erinnerungen und Gedanken" - S. 385)

Marsch IR 199

...Die Kampftüchtigkeit der deutschen Soldaten und Offiziere, ihre fachliche Ausbildung und Gefechtserziehung erreichten in allen Waffengattungen, besonders in den Panzertruppen und bei der Luftwaffe, ein hohes Niveau. Der deutsche Soldat kannte seine Pflicht im Gefecht und im Felddienst und war ausdauernd, selbstsicher und diszipliniert...

Beachtlich erscheint diese Wertung Schukows allemal!

Mit Schukow starb 1974 ein Mann, der wohl mehr Menschen in den Tod geschickt hatte, als jeder andere Russe im Jahrhundert des massenhaften Tötens. Er wird heute als Retter des Vaterlands und genialer Heerführer Russlands verehrt – der Eroberer Berlins und Marschall der Sowjetunion.

Das Geheimnis seiner Kriegskunst hatte Schukow einmal dem amerikanischen Kollegen General Eisenhower verraten: «Wenn wir auf ein Minenfeld stoßen, greifen unsere Soldaten so an, als ob es gar nicht da wäre.»

Marschieren, marschieren......

Die Stärke eines Infanterieregiments betrug im Regelfall 3.250 Mann. Ein solches Regiment verfügte über 683 Pferde, 210 bespannte Fahrzeuge und 73 Motorfahrzeuge. Durch die Schwierigkeiten, defekte Motorfahrzeuge zu ersetzen, mussten nach 1943 die Zahl solcher Fahrzeuge bei Infanterieregimentern vermindert und die Zahl der Pferdegespanne erhöht werden. Soldaten dieser Regimenter kamen nie in den Genuss, bei Kriegseinsätzen zum Einsatzort "gefahren zu werden".

Nur die Infanteriedivisionen mit dem Zusatz „mot.“ hatten einen höheren Motorisierungsgrad und wurden im Verbund mit Panzerdivisionen eingesetzt. Im April 1943 wurden diese Divisionen in „Panzergrenadierdivisionen“ umbenannt.

Von unseren Vätern und Großvätern, die bei der 57. ID in einem der 3 Infanterieregimenter dienten, wissen wir, dass die damaligen Angehörigen solcher Regimenter beim Vormarsch im Jahre 1941 bzw. 1942 täglich oftmals 30 km zurücklegten. Es gab aber auch Tage, da wurden 40 km am Tage marschiert. Wer heute im Urlaub bei einer Tageswanderung einmal 20 km unterwegs ist, kann einigermaßen nachvollziehen, welche Leistungen die Soldaten von Infanterieregimentern während des Krieges unter Beweis stellen mussten!

Das nebenstehende Bild aus dem Jahre 1942, zeigt eine Marschformation des Inf. Reg. 199. Außer 2 pferdebespannten Karren (wahrscheinlich handelte es sich dabei um die sogenannten "Gefechtskarren Nr. 9 der Infanterie") sind keinerlei weitere Fahrzeuge zu sehen. Das schwere Gerät (MG, Granatwerfer und wahrscheinlich auch Tornister und Karabiner) wurde auf diesen Karren transportiert, um so eine gewisse Marscherleichterung zu erzielen! Was beim Betrachten des Bildes noch besonders auffällt, ist die Tatsache, dass einige Soldaten während des Marsches aus dem Kochgeschirr essen. Man hatte ganz offensichtlich während des Vormarsches in den Weiten Sowjetrusslands nicht die nötige Zeit, um das Essen vollständig während einer Marschpause einzunehmen!


Normale Infanteriedivisionen litten während des ganzen 2. Weltkrieges unter der mangelnden Motorisierung.

Dieses Bild ist wohl typisch für die damalige Situation! Die Gewaltmärsche, die deutschen Infanteristen im 2. Weltkrieg abverlangt wurden, glichen den Verhältnissen der Kriege von 1870/71 und 1914/18 – welch ein Anachronismus!

Technisches, Kriegsalltag und Kriegsverlauf

Bekleidung


Walenki (Валенки) Nun zu der Sache mit den Walenkis (russ. валенок): Bei der deutschen Wehrmacht herrschte Ordnung und so mussten Dienstvorschriften genauestens vollzogen werden.
russ. Winterstiefel
Валенки
Das galt natürlich auch für die Zunft der Kammerfeldwebel, die den Soldaten die Ausrüstung verabreichten. Es hatte alles genauestens zu "passen": Die Dienstmütze, die Knobelbecher usw. Man passte also die Knobelbecher mit deutscher Genauigkeit genau der Fußgröße an. Die Folgen waren dann in den strengen Wintern der Jahre 1941/42 und 1942/43 verheerend. Hunderttausende von Soldaten hatten massive Erfrierungen der Zehen. Meinen Vater erwischte es mehrmals.
Er kam auch bei Kriegsende mit erfrorenen Zehen nach Hause!
Bei den Russen gab es solche Dinge nicht, weil sie Filzstiefel trugen (Walenki). Deutsche Soldaten kamen dann ziemlich schnell dahinter, als sie bei gefallenen russischen Soldaten deren Stiefel erstmals sahen. Die Stiefel waren mindestens 1 Nummer größer als die eigentliche Schuhnummer verpasst worden und mit Zeitungspapier innen ausgefüllt. Das war der Grund, warum Soldaten der Roten Armee meist keine Erfrierungen der Zehen davontrugen.
Solche Walenki gefallener Soldaten der Roten Armee anzuziehen, das taten die deutschen Soldaten in aller Regel nicht. Da gab es wohl eine Art von Ehrenkodex. Wahrscheinlich wurde auch befürchtet, im Falle der Gefangenschaft liquidiert zu werden, wenn man Walenki trägt. Also gab es bei der Wehrmacht weiter diese Erfrierungen und einen vernünftigen Winterstiefel bekam die kämpfende Truppe bis zum Kriegsende auch nicht.


Bewaffnung


russ. Feldkanone SiS 3 russ. Feldkanone SiS 3 / Kaliber 76 mm (russ. дивизионная пушка обр. 1942 г. (ЗиС-3))
Von dieser Kanone erzählte wohl jeder Soldat, der an der russischen Front war. Gemeinhin nannten die Soldaten diese wirkungsvolle Kanone der Roten Armee "Ratsch-Bumm".
Feldkanone SiS 3 / 76 mm
(дивизионная пушка обр. 1942 г. (ЗиС-3))
Wegen des überlangen Kanonenrohres verschoss die Kanone die Munition – auch

aufgrund der flachen Flugbahn – im Überschallbereich. Bei kurzen Entfernungen von 1000 bis 2000 m waren Abschussknall und Einschlag kaum noch voneinander zu unterscheiden. Es gab also bei derart kurzen Kampfentfernungen keine Zeit mehr, Deckung zu suchen.

Soldaten, die an die Ostfront neu abkommandiert waren, wurden im Rahmen einer allgemeinen Einweisung auf den Wirkungsgrad der russ. Feldkanone besonders verwiesen.

76-mm-Divisionskanone

russ. T-34 Die ersten T 34-76 wurden von der Roten Armee Ende 1941 eingesetzt. Für die Wehrmacht war dies eine böse Überraschung. Die PaK 36-3,7 cm war nicht in der Lage, die massive Frontpanzerung des T 34-76 zu durchschlagen.
Panzer T-34/76-1940 mit kurzer Kanone
Mit viel Glück konnte der T 34 durch Treffer am Turmdrehkranz oder Laufwerk bewegungsunfähig geschossen werden. Ab Ende 1941 gab es bei der Wehrmacht wieder einmal einen neuen Spitznamen für eine Waffe. Mit ironischem Sarkasmus nannten die Soldaten die PaK 36 fortan "Heeresanklopfgerät".
Mir erzählte mein Vater, dass liegen gebliebene T 34 von deutschen Soldaten anfangs immer genau inspiziert wurden. Man bestaunte die abgeschrägte und massive Frontpanzerung, die es in dieser Form bei den damaligen deutschen Panzern nicht gab. Überrascht war man

auch über das etwas grobschlächtige Äußere des T 34. So wurden Schweißnähte nicht geglättet, sondern im Urzustand belassen.

Deutsche Soldaten, die erstmals das Innere des T 34 sahen, wunderten sich, dass neben dem Fahrersitz ein übergroßer Hammer lag. Irgendwann war dieses Rätsel gelöst: Das Getriebe des T 34 war recht schwergängig. Und wenn das Schalten der Gänge Probleme bereitete, dann schlug der russ. Panzerfahrer mit dem Hammer solange gegen den Schaltknüppel, bis es eben funktionierte.

T-34 Panzer

Maschinenpistolen Die russische Maschinenpistole PPSch-41 und die deutsche Maschinenpistole MP-40

Die russische Maschinenpistole PPSch-41 ist wieder ein Beispiel für eine robuste und stets funktionsfähige Waffe der Roten Armee. Gegenüber der deutschen Maschinenpistole MP-40 machte sie geradezu einen etwas primitiven Eindruck, aber in ihrer Wirkung war sie erheblich besser und zuverlässiger als das deutsche Modell.

Deutsche Soldaten machten bald schlimme Erfahrungen mit der MP-40. Wurde das Magazin mit 32 Patronen gefüllt, dann gab es im Ernstfall Ladehemmungen. Das lag an der komplizierten Munitionszuführung und wahrscheinlich auch am Federmechanismus des Ladesystems. Jedenfalls wurde die Truppe deswegen angewiesen, das Magazin nur noch mit 28 Patronen zu füllen. Die deutschen Soldaten waren alles andere als zufrieden mit dieser in der Tat unzuverlässigen Waffe.

Die russische PPSch-41 war dagegen eine sehr gute MP, die auch noch funktionierte, wenn sie einmal nicht gereinigt werden konnte. Der große Vorteil dieser Waffe war das Trommelmagazin mit 71 Patronen.

Die deutsche Rüstungsindustrie versuchte die MP-40 zu verbessern und mit einem Doppel-Stabmagazin auszustatten. In Großserie wurde diese Waffe aber nie produziert. Und dann geschah schon etwas, was für deutsche Verhältnisse außergewöhnlich war: Man übernahm bei der Wehrmacht stillschweigend aus Beutebeständen die PPSch-41 und verwendete sie mit russischer Munition als MP-717(r).

PPSch-41
MP 40



Fahrzeuge / Flugzeuge


Polikarpow Po-2 Im Soldatenjargon der Wehrmacht hieß diese Maschine „Nähmaschine“ wegen ihres eigentümlichen Motorengeräusches. Der Grundentwurf dieser Maschine stammte aus dem Jahre 1927. Das untermotorisierte Flugzeug hatte eine Höchstgeschwindigkeit um die 150 km/h.
Polikarpow Po-2 (Поликарпов по-2)
Die Maschine wurde zu nächtlichen Störangriffen im Frontbereich eingesetzt. In gewisser Weise war diese Maschine von den deutschen Soldaten gefürchtet, weil auch Bomben abgeworfen wurden. Jedenfalls, so erzählte mir mein Vater, ging man in Deckung, wenn nachts die „Nähmaschine“ zu hören war.
Vielfach wurde behauptet, dass diese Maschine gepanzert war. Das stellte sich jedoch als nicht zutreffend heraus. Das Flugzeug war in einer Mischbauweise aus Holz und Stoffbespannung gefertigt und stürzte wohl nach einzelnen Gewehrtreffern, sofern nicht der Pilot getroffen wurde, nicht sofort ab. Deshalb waren die deutschen Soldaten der Ansicht, das Flugzeug sei z. T. gepanzert. Wegen der geringen Geschwindigkeit setzte die Rote Armee dieses Flugzeug nur nachts ein.

Polikarpow Po-2



Propaganda der Wehrmacht und der Roten Armee im Frontbereich

Die Deutsche Wehrmacht begann nach dem Einmarsch in die Sowjetunion mit einer intensiven Propaganda. Die richtete sich in erster Linie an die Soldaten der Roten Armee, aber auch an die Zivilbevölkerung. Es gab auf deutscher Seite propagandistische Lautsprecherdurchsagen und sogar eine täuschend echt gefälschte Ausgabe der PRAWDA mit einem Passierschein für Soldaten der Roten Armee.

In etwa gleicher Weise wirkte die Rote Armee im Frontbereich auf die Soldaten der Wehrmacht ein. Es gab in Frontnähe mobile Lautsprecheranlagen. Lautsprecherdurchsagen mit Marschmusik waren meist dann besonders häufig zu hören, wenn an der Front eine relative Ruhe herrschte. Auch die Rote Armee verbreitete in großem Umfang Passierscheine. Das taten im Übrigen auch die Amerikaner und Briten während des 2. Weltkriegs.

Von Veteranen der 57. ID wissen wir, dass in den letzten Kriegsjahren die sowjetische Propaganda an Schärfe zunahm. So wurden die Soldaten der 57. ID mitunter auch als "weißblaue Verbrecher" bezeichnet. Das war wohl eine Anspielung auf das takt. Zeichen der Division (weißblaues Rautenschild).

Immer wieder waren Soldaten der Division überrascht, mit welchen Einzelheiten die russische Propaganda aufwarten konnte. Beispielsweise wurden vereinzelt neu abkommandierte Regimentskommandeure über Lautsprecher namentlich begrüßt. Auch über Truppenverlegungen deutscher Einheiten von Frankreich an die Ostfront schien die Gegenseite oftmals bestens informiert gewesen zu sein. Auch solche Verlegungen waren Anlass für "Begrüßungen" über Lautsprecher.

In seinem Buch "Unternehmen Barbarossa" - Seite 429 -, erschienen 1963 im Ullstein-Verlag, beschreibt der Verfasser Paul Carell treffend die damalige psychologische Kriegsführung der Roten Armee:

...Im Sommer 1942 war die 23. Panzerdivision noch neu an der Woronesch-Front. Sie führte als taktisches Zeichen den Eiffelturm, und das zeigte an, woher sie kam; sie kam aus Frankreich als Besatzungsverband. Die Rote Armee nutzte diesen Umstand zu einem Trick der psychologischen Kriegsführung. Sie warf über dem Einsatzraum der 23. Panzerdivision Flugblätter ab, auf denen zu lesen war:


  • Soldaten der 23. Panzerdivision!
  • Wir begrüßen Euch in der Sowjetunion!
  • Das flotte Pariser Leben hat nun ein Ende!
  • Von anderen Kameraden werdet Ihr gehört haben, was hier los ist,
  • doch bald werdet Ihr es selbst erfahren!


Passierschein der Russen Passierschein der USA

Flugblätter des Nationalkomitees Freies Deutschland (ab 1943) bzw. Flugblätter, bei deren Gestaltung das Nationalkomitee mitwirkte

Vorstehende sowjetische Flugblätter erschienen ab 1943 - nach den großen Rückschlägen der deutschen Wehrmacht - und waren vielfach mit aufgedruckten Passierscheinen versehen.

Sowjetische Propaganda: die Frontzeitung "Soldatenfreund" vom 26. Juni 1941 in deutscher Sprache

Dieses erhalten gebliebene Exemplar der sowjetischen Frontzeitung "Soldatenfreund" stammt aus dem Nachlass des Freiherr von Grießenbeck. Es lohnt sich in der Tat, diese 4 Seiten (nach Vergrößerung der jeweiligen Seiten) durchzulesen. Sowjetrussland betrieb reinsten Klassenkampf und schwadronierte über Großgrundbesitzer, Weißgardisten und sonstige Klassenfeinde. Mit dieser Art von Propaganda konnte man wohl kaum Soldaten der Wehrmacht beeinflussen oder sogar überzeugen!


Das Flugblatt des Leutnants Beerenbrock

Im Jahre 1942 musste ein deutscher Luftwaffenleutnant Beerenbrock mit seiner Me 109 im russischen Frontbereich notlanden. Dort geriet er dann in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Die Vernehmungsoffiziere der Roten Armee wussten sehr bald, um wen es sich bei diesem Leutnant handelte. Beerenbrock war mit 117 Abschüssen einer der Asse der deutschen Luftwaffe. Leutnant Beerenbrock galt nach seiner Notlandung als vermisst und das wusste auch die Rote Armee. Dann geschah etwas auch für die damaligen Verhältnisse Außergewöhnliches: Leutnant Beerenbrock durfte sich aus der Gefangenschaft per Flugblatt als "lebend" melden. Natürlich war er auch gehalten, Erklärungen abzugeben, die ganz im Sinne Sowjetrusslands waren.

Dieses erhalten gebliebene Exemplar des damaligen Flugblattes ist ein russ. Zufallsfund des Jahres 2011 und wurde im Forum der Wehrmacht veröffentlicht. Auf der Rückseite des Flugblattes durfte Beerenbrock sogar eine handschriftliche Mitteilung an seine Angehörigen hinterlassen. Nachstehend veröffentlichen wir die beiden Seiten dieses sowjetischen Flugblattes.

Beerenbrock war bis 1950 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Im Jahre 1955 ging er als Offizier zur neu aufgestellten Luftwaffe der Bundeswehr.

Näheres zu Leutnant Beerenbrock unter: http://www.lexikon-der-wehrmacht.de/Personenregister/B/BeerenbrockFJ.htm

Kriegsberichterstattung

Die Kriegsberichterstattung ist eine besondere Form der psychologischen Kriegsführung, hat sie doch den Sinn, den Gegner zu desinformieren und oftmals die eigenen Soldaten und das eigene Volk propagandistisch auf die Kriegsziele einzustimmen. Schon Alexander der Große führte auf seinen Feldzügen Schreiber mit, die über seine Kriege berichten mussten. Mit der Einführung des Buchdrucks (um 1450) war dann eine gezielte Berichterstattung über die damaligen Kriege gang und gäbe.


Der NS-Staat schuf schon 1938 sogenannte Propagandakompanien mit Kriegsberichterstattern, die allesamt uniformiert waren und Soldatenstatus hatten. Die Kriegsberichterstatter unterlagen einer generellen Weisungsbefugnis. Obwohl sie vielfach im Zivilleben Journalisten und nicht Mitglieder der NSDAP waren, mussten sie dennoch die staatlich gewollte Propaganda mit Wochenschauen, Bildreportagen usw. unters Volk bringen.


Bei der kämpfenden Truppen dürften diese Kriegsberichterstatter nicht immer besonders beliebt gewesen sein, zumal diese "Pressesoldaten" immer Wert darauf legten, mit in die vorderste Linie genommen zu werden, um von dort filmen und fotografieren zu können. Viele Kriegsberichterstatter erlitten dabei Verwundungen oder sind bei der Berichterstattung im Frontbereich gefallen.


Wir verfügen über einen Bericht eines Kriegsberichterstatters zum Frontbereich Woronesch, Teile davon sind unten stehend veröffentlicht. Dieser Bericht ist durchaus lesenswert. Er vermittelt in der Tat die damalige gezielte Propaganda des Staates. Man spricht nicht über eigene Verluste, nur über das Massensterben und die großen Materialverluste des Gegners. Ganz in der Art des obersten Propagandisten Joseph Goebbels ist der Text in einem guten Schreibstil gehalten. Dennoch wird der Gegner verunglimpft und sogar beschuldigt, Gräueltaten begangen zu haben. Was dabei als wahr oder unwahr dargestellt wurde, ist heute ohnehin nicht mehr zu ermitteln. Natürlich agierte die Sowjetunion in ähnlicher Weise. Interessant ist dabei auch wie jeweils die gegnerischen Truppen benannt wurden: Die Rote Armee bezeichnete man als Bolschewisten und die Wehrmacht als Faschisten.


Die US-Army entwickelte die Berichterstattung über Kriege in moderner Form weiter. So genannte "Embedded Journalists" sind den Kampftruppen zugeordnet. Natürlich handelt es sich dabei um zivile Journalisten, die keinem Weisungsrecht unterliegen. Doch auch die USA verfolgen dabei den Zweck, ihre kriegerischen Auseinandersetzungen gezielt zu definieren und dem Volk die angestrebten Kriegsziele plausibel zu machen.

Jagdoffizier und Militärjagdschein

Die Deutschen sind ja allgemein dafür bekannt, dass sie immer bestrebt sind, alles und jedes zu organisieren und gesetzlich zu normieren. Auch die deutsche Militärverwaltung in den besetzten Gebieten stellte dies unter Beweis.


Mit deutscher Gründlichkeit wurden Elemente des deutschen Jagdrechts (konkret: Inhalte des Reichsjagdgesetzes) auch z.B. in Frankreich und Polen umgesetzt. Es wurden für die jeweiligen Bezirke Jagdoffiziere der Wehrmacht bestellt, die über Abschüsse Buch zu führen hatten. Natürlich stellte man auch sog. Wehrmachtsjagdscheine aus. Mit diesen Wehrmachtsjagdscheinen waren deutsche Wehrmachtsangehörige (meist wohl nur höhere Unteroffiziersdienstgrade und Offiziere) berechtigt, die Jagd im Feindesland auszuüben.


Auch die alliierten Soldaten (meist Offiziere) gingen unmittelbar nach Kriegsende in Deutschland auf die Jagd. Sie nahmen einfach ihr Gewehr, fuhren mit Jeeps in die Wälder und schossen auf Rehe und Hasen, ohne dass irgendwelche schriftlich fixierte Regelungen hierfür bestanden!


Zum Thema Jagdoffizier und Militärjagdschein stießen wir in den uns überlassenen Unterlagen des Freiherr von Grießenbeck (Kommandeur der Div.Nachsch.Tr. 157) auf Originalunterlagen dieser Zeit, die wir nachstehend veröffentlichen. Dieses Thema erschien uns auch deswegen besonders interessant, weil es hierüber bisher kaum Veröffentlichungen gab!


Die damaligen Jagdoffiziere hatten mit Problemen zu kämpfen. So versuchten Unteroffiziere und Mannschaften - ohne jegliche Vorkenntnisse und Berechtigungen - zu jagen. Franzosen, denen die Jagdausübung damals nicht erlaubt war, begannen mit Fallen und Schlingen das Wild zu erlegen.


Die materielle Überlegenheit der Roten Armee

Aus Erzählungen von Veteranen der 57. ID ist uns bekannt, dass ab 1942 die Rote Armee der Wehrmacht nicht nur personell, sondern auch materiell stets überlegen war. Während es bei der Wehrmacht erhebliche Schwierigkeiten bereitete, zerstörte Waffen und Gerät zügig zu ersetzen, schien dies bei der Roten Armee problemlos zu funktionieren. Das war natürlich nicht nur auf die Wirtschaftskraft der Sowjetunion zurückzuführen, sondern eine Auswirkung der Hilfslieferungen der westlichen Alliierten auf der Grundlage des US Leih- und Pachtgesetzes vom März 1941.


Bei der Schlacht um Kiew im Herbst 1941, der größten Umfassungsschlacht des Russlandfeldzuges, vernichtete und erbeutete die Wehrmacht nahezu 1.000 Panzer, 3.000 Geschütze und vermutlich 15.000 Kraftfahrzeuge aller Art.


Auch in der nachfolgenden Kesselschlacht von Wjasma-Brjansk verlor die Rote Armee ca. 1.200 weitere Panzer.


Nach diesen Erfolgen sah sich Hitler schon als Sieger. Er ließ durch den Reichspressechef erklären: "Dieser Gegner wird sich nie mehr erheben!"


Das war ein absoluter Trugschluss! Die USA lieferten schon ab Nov. 1941 (im Rahmen des Leih- und Pachtgesetzes) Rüstungs- und Versorgungsgüter en masse an die Sowjetunion. Insgesamt erhielt die Sowjetunion Güter im Wert von rund 11 Mrd. US-Dollar. (u. a. 13.000 Panzer, 135.000 MGs, neunzig Millionen Meter Uniformtuch und elf Millionen Paar Soldatenstiefel, Frachtschiffe und Flugzeuge aller Art, Treibstoffe, Telefonleitungen usw.). Aber auch die Briten lieferten an ihren damaligen Verbündeten Kriegsmaterial (u.a. Panzer und gepanzerte Fahrzeuge).


Soldaten der 57. ID waren dann ziemlich überrascht, als auf Seiten der Roten Armee US-Panzer und Panzer der Briten sowie Jeeps verwendet wurden. Und gerade die Jeeps waren eine "beliebte Beute" der Wehrmacht.


In den USA entstanden während dieser Zeit Fabriken, die der Herstellung von Gütern speziell für die russischen Bedürfnisse dienten. So wurden auch die üblichen Filzstiefel der Roten Armee zusätzlich in den USA gefertigt. Die UdSSR verlor in den Jahren 1941/42 große Teile seiner landwirtschaftlichen Nutzfläche. Die USA lieferten deshalb den Sowjets auch Proteine und Kalorien in konzentrierter Form. "Borschtsch" und das Schweinefleischgericht "Tjuschuha" wurden in Trockenwürfeln geliefert. Dabei wurde von Sowjetrussland gefordert, dass jegliche Herkunftsbezeichnung weggelassen wurde. Die offizielle Begründung: " Das Sowjetvolk würde es als demütigend empfinden, in der Ernährung vom Ausland abhängig zu sein...."


Neben diesen genannte Hilfslieferungen bekam Sowjetrussland von den USA auch ganze Fabrikeinrichtungen geliefert, die jenseits des Ural aufgebaut wurden (Ölraffinerien, Reifenfabriken usw).


Die meisten dieser Güter kamen per Schiff über Murmansk. Trotz einiger erfolgreicher Versenkungsaktionen von Konvoi-Schiffen durch die deutsche Luftwaffe und deutsche U-Boote (z. B. Vernichtung des Geleitzuges „PQ 17“) erreichten von 16,5 Mio Tonnen Gesamtlieferung immerhin 15 Mio Tonnen die Sowjetunion.


Ein Vergleich lässt den Umfang der US-Hilfslieferungen erkennen:

Am 21.6.1941 war die Wehrmacht mit 1280 Flugzeugen, 3350 Panzern und 600.000 Kfz gegen die Sowjetunion angetreten. Zwischen 1941 und 1942 lieferten die USA an die Sowjetunion 3052 Flugzeuge, 4084 Panzer und 520.000 Kfz. In einem Jahr bekam die Sowjetunion mehr als das gesamte Arsenal, mit dem Deutschland in die Sowjetunion eingefallen war!

(vorstehende Zahlenangaben stammen aus der Veröffentlichung "Der Zweite Weltkrieg", Band 2, Seite 585, von Raymond Cartier)


Die Rote Armee war ab Ende 1941 wohl immer in der Lage, Ausfälle an Material und Waffen problemlos zu ersetzen – dank der Hilfslieferungen der USA. Die Materialprobleme bei der Wehrmacht waren da erheblich größer. Vielfach gelang es schon ab 1942 nicht mehr alle materiellen Verluste zügig zu ersetzen. So war es damals schon der Regelfall, dass bei vielen Panzerdivisionen der Sollstand an Fahrzeugen und Panzern nie mehr erreicht wurde.

Heute steht zweifellos fest, dass die US-Lieferungen von Waffen und Güter aller Art an Sowjetrussland entscheidend für den Kriegsverlauf waren. Vielfach vertreten Historiker unterschiedliche Meinungen, ob die Lieferungen der Alliierten "kriegsentscheidend" oder "kriegsverkürzend" waren. Jedenfalls wäre die Sowjetunion Ende 1941 in arge Bedrängnis geraten, wenn sie ohne materielle Hilfe ihrer Alliierten den Krieg gegen Deutschland hätte weiterführen müssen!


Frauen im Krieg

Die weibliche Jugend musste bereits vor dem Kriege Arbeitsdienst leisten. Bemerkenswert ist dennoch, dass der Einsatz von Frauen in Betrieben, Verwaltungen und Bereichen der Wehrmacht erst im Laufe des Krieges an Bedeutung gewann.

In den letzten beiden Kriegsjahren übernahmen Frauen Tätigkeiten, die zuvor überwiegend von Männern wahrgenommen wurden. Das Zugbegleitpersonal, Trambahnschaffnerinnen und das Personal bei der Post: Überall waren nun Frauen tätig. Ich erlebte es als kleiner Junge, wie meine Großmutter das landwirtschaftliche Anwesen "über die Runden bringen musste" und sogar der Kohlenhändler in unserem Ort Frauen beschäftigte.

Was nicht in Vergessenheit geraten sollte, ist die Tatsache, dass Frauen ab etwa 1942 auch in den Kampfgebieten des Ostens als Krankenschwestern, als Funkerinnen in den Stäben und weiteren Verwendungen eingesetzt wurden.

Der Trend der Uniformität erfasste in den letzten Kriegsmonaten sogar noch die Frisuren der Frauen. Junge Frauen bis etwa 40 Jahren trugen nach oben gekämmte Hochfrisuren. Im Volksmund nannte man diese Frisuren spöttisch "Entwarnungsfrisuren".

Im Winter trugen alle deutsche Frauen damals mit Vorliebe den Turban, der möglichst warmhaltend die Köpfe verzierte. Die kalten Kriegswinter führten auch dazu, dass Frauen die Zivilhosen ihrer Männer nach einer geringfügigen Änderung trugen und sich so gegen Kälte schützten.

Auch die Knappheit an textilen Stoffen führte wohl ab 1943 dazu, dass Röcke und Kleider, die im Sommer getragen wurden, für die damalige Zeit recht kurz ausfielen. So war sie eben, die damalige Kriegsmode für deutsche Frauen!

Frauen im Krieg.jpg


Die Heimatfront

Begrifflich war "Die Heimatfront" keine propagandistische Erfindung des NS-Staates. In Großbritannien gab es bereits während des I. Weltkrieges den Begriff "Homefront" und zur Zeit des II. Weltkrieges tauchte dieser Begriff dann auch wieder in Großbritannien und den USA auf.

Das NS-Propagandaministerium unter Joseph Goebbels begann im Jahre 1939 das Volk in der Heimat bewusst und massiv auf den Krieg vorzubereiten. Die NS-Größen waren sich im Klaren darüber, dass der Krieg keine Begeisterung auslösen wird, wie dies 1914 der Fall gewesen war. Aber dennoch wollte man einen Durchhaltewillen und eine Verbundenheit zwischen Heimat und Front schaffen. Dies gelang bis zu einem gewissen Grade in den ersten Kriegsjahren wohl schon.


In der 'Illustrierten Geschichte des 2. Weltkriegs', von Dr. Kurt Zentner, erschienen 1963 im Deutschen Bücherbund Stuttgart, findet man zur Problematik „Heimatfront“ folgende Hinweise, die wir auszugsweise veröffentlichen:

…Ein Schweizer Journalist erlebte 1942 Berlin im Kriege. Er sah mit neutralen Augen, wie die Bevölkerung in jenen Tagen lebte:

...„Der Berliner zeichnet sich von seinem Vorgänger aus der Friedenszeit vor allem dadurch aus, dass er etwas sucht...

Er sucht nach Lebensmitteln und auch solche auf Karten, er sucht Geschenkartikel für Kinder und Frau, er sucht einen Staubsauger oder einen Teppich. Nur etwas sucht er nicht, was er früher jahrelang suchte: Arbeit. Die gibt es in Hülle und Fülle. Die Zeitungen sind überfüllt mit Stellenangeboten.


Die Menschen gehen im Allgemeinen - trotz der mannigfaltigen Einschränkungen - immer noch gut gekleidet, auch dann, wenn sie keine Uniformen tragen. Nur scheint einem, als seien die Gesichter müde. Die Zeiten der raschen, glanzvollen Siege sind vorbei! Im Gespräch sind die Menschen ernst und gemessen. Doch die humorvolle, ursprüngliche Schlagfertigkeit des Berliners, die gibt es immer noch.

In Gaststätten werden ungefähr alle Sprachen Europas, vielleicht mit Ausnahme des Englischen, gesprochen. Es sind dies die Menschen aus den besetzten Ländern, dem Generalgouvernement herangezogene Arbeitskräfte, aber auch Menschen, die aussehen wie Besucher, von denen ich nicht zu sagen wüsste, weshalb sie eigentlich in Berlin sind!

Man könnte über das Essen in Gaststätten berichten. Aber das ist langweilig. Suppe gibt es, soviel man will, andere Speisen gegen Karten.

Auch bei der ständigen Suche nach Lebensmitteln und Waren aller Art, ist nicht alles erlaubt. Unerlaubt ist es, Schuhe gegen Gans und Klavier gegen Leberpasteten oder Kaninchen gegen Likör zu tauschen. Hingegen findet man an einem Ort besseres Fett als am anderen, hier Kartoffeln, dort Gemüse. Da muss sich einer auskennen!“


Speisekarte

Die vorstehende Speisekarte aus dem Jahre 1941 bedarf keiner besonderen Erörterung. Das knappe Angebot spricht für sich! Wichtig waren damals Lebensmittelmarken für "normale Speisen". Die Preise für die Speisen und Getränke in Gaststätten waren auch für die damaligen Lohnverhältnisse als niedrig zu bezeichnen!

An der HEIMATFRONT herrschte bereits 1941 "Schmalhans Küchenmeister". Man musste zwar nicht grundsätzlich hungern, aber "mager" waren die Speisenkomponenten allenthalben! Und so gab es damals eigentlich kaum übergewichtige Kinder und beleibte "Volksgenossen"!



Die Kriegspropaganda war während der Kriegszeit überall präsent. In Städten und selbst in kleinen Landgemeinden hingen Plakate wie "PST! Feind hört mit!", "Waffen schaffen für die Front" und natürlich der für Kinder übel aussehende "Kohlenklau" hing überall als Plakat. Auch Lokomotiven der Reichsbahn wurden in diese Kriegspropaganda mit einbezogen. Die damals üblichen Dampflokomotiven trugen in großen weißen Lettern die Aufschrift "Räder müssen rollen für den Sieg". Man bediente sich auch des Rundfunks und des Films (vor allem Wochenschauen) bei dieser Kriegspropaganda. Für kleine Kinder gab es immer am Abend die etwas schaurige Radio-Durchsage..."ich bin der Kohlenklau....". Und vor diesem Kohlenklau fürchteten sich kleine Kinder damals wohl mehr als vor dem "Schwarzen Mann"....


Der Historiker Werner Maser beschreibt in seinem Buch "Deutschland Traum oder Trauma" (S. 429) treffend den Propaganda-Effekt: ...Die alles beherrschende, heroisch stilisierte Propaganda und die Angst als Loyalität, Solidarität und Gefolgschaftstreue initiierende Elemente allein schufen nicht das Staatsvolk, das noch im Hochsommer 1944 fast mehrheitlich hinter Hitler stand. Dass die Bevölkerung vielfach nicht durchschaute, was sich hinter den "Segnungen" und Propagandaversionen verbarg, ist eine Erkenntnis, die zwischen 1933 und 1945 nur vereinzelt vorhanden war.....


Dass letztendlich die Heimat auch zur "Front" werden konnte, das war natürlich bei diesen Aktionen nicht "eingeplant". Als dann die massiven Luftangriffe einsetzten, schuf der NS-Staat den Begriff "Terrorangriffe" und diese Wortschöpfung wurde von der Bevölkerung tatsächlich auch übernommen. Ende 1944 überrannten die alliierten Truppen im Westen und Osten von Deutschland die Wehrmacht und drangen in das Reichsgebiet ein. Die "Heimat" wurde zur "Front" und da kamen dann nur noch Durchhalteparolen des NS-Staates zum Tragen, die kaum noch jemand ernst nehmen konnte.


Um die letzten Kraftreserven zu mobilisieren, ruft Hitler am 18. Oktober 1944 den "Volkssturm" auf. Selbst die körperlich noch nicht oder nicht mehr Tauglichen zwischen 16 und 60 Jahren werden jetzt zum Wehrdienst herangezogen. Den Oberbefehl erhält der "Reichsführer SS" Heinrich Himmler, seit dem Attentat vom 20. Juli 1944 Innenminister und Befehlshaber des Heimatheeres.


Interessant ist auch die damalige fast schon ungeschminkte Darstellung staatlicher Stellen zur Kriegssituation. Im Monatsbericht des Regierungspräsidenten von Oberbayern vom 7. April 1945 hieß es:....Durch militärische Ereignisse der letzten Wochen im Westen und Osten Schockwirkung bei gesamter Bevölkerung hervorgerufen, wie sie seit Kriegsbeginn noch nicht zu verzeichnen war. Stimmung im allgemeinen am Nullpunkt. Glaube an Sieg der deutschen Waffen stark geschwunden; selbst Volksgenossen, die vom Endsieg überzeugt waren, seit dem überraschend schnellen Vorstoß des Feindes im Westen ohne Hoffnung auf ein siegreiches Ende. Mit vollständiger Besetzung des deutschen Reichsgebietes durch die Feindmächte wird gerechnet.....


Die deutsche Zivilbevölkerung wollte anfangs 1945 nur noch eines...ein schnelles Ende dieses schlimmen Krieges.

Nachstehend einige Plakate zu diesem Thema:

Die Versorgungslage

Das NS-Regime befasste sich bereits ab 1937 mit den Planungen zur Versorgung der Zivilbevölkerung und der Wehrmacht im Kriegsfalle. Bei diesen Planungen war man sich bewusst, dass ein weiterer Krieg keine irgendwie geartete Begeisterung hervorrufen wird. Ein Großteil der Bevölkerung hatte noch den Hungerwinter 1916/17 erlebt, den sogenannten Steckrübenwinter. Damals brach die Versorgung der Zivilbevölkerung und der Soldaten an der Front teilweise zusammen. Ausschlaggebend waren die wenigen Vorräte, die zur Verfügung standen sowie die Missernten des Jahres 1916. Seinerzeit gab es in Deutschland Zivilisten, die an Unterernährung oder an Krankheiten wie Grippe starben, weil sie körperlich zu stark geschwächt waren. Man geht heute davon aus, dass die Zahl derartiger Todesfälle bei etwa 700.000 lag. Eine ausgewogene Versorgung von Bevölkerung und Wehrmacht war deshalb für den NS-Staat bereits vor Kriegsbeginn eine wichtige Angelegenheit. Fast könnte man sagen, Hitler hatte dies zur Chefsache gemacht.


Die Deutschen merkten kaum etwas von den gezielten Kriegsvorbereitungen - und die begannen bereits in den Jahren 1935/36. Es fing an mit der Propaganda für den sogenannten "Eintopftag", damals noch verbunden mit Sammlungen für das Winterhilfswerk. Aber in gewisser Weise wollte der NS-Staat wohl auch die Deutschen auf eine Verknappung der Versorgung vorbereiten. Das Propagandaministerium veröffentlichte Fotos mit Hitler, der im Kreise seiner Mitarbeiter einen Suppeneintopf löffelte. Bildunterschrift: "Eintopf auch beim Führer!"


Ab 1936 führte der NS-Staat den sogenannten Vierjahresplan ein. Schwerpunkt dieser Planungen war die Erlangung der wirtschaftlichen Autarkie und die zielstrebige Wiederaufrüstung. Man wollte im Hinblick auf künftige Kriege möglichst von Importen diverser Güter unabhängig werden. Auch begann man, Produktionsverfahren für synthetischen Gummi und synthetisches Benzin zu erproben.


In den letzten Jahren vor dem Kriegsausbruch begann so zwangsläufig auch eine zielstrebige Propaganda für deutsche Waren, z.B. für Heringe. Der Hintergrund dieser "vorausschauenden Propaganda" war sicher auch die spätere Realität, dass bei Lebensmitteln bestimmte Importwaren nicht mehr zur Verfügung standen und man sich eben mit deutschen Lebensmitteln begnügen musste. Der NS-Staat bereitete den Krieg vor!


Die Lehren aus dem Ersten Weltkrieg wurden umgesetzt. Deutschland sollte trotz eines Krieges ohne allzu große Erschütterungen "voll arbeitsfähig" bleiben. Und deshalb wurde bereits 1937 die Rationierung von Lebensmitteln, Treibstoffe und sonstigen Versorgungsgütern in allen Einzelheiten vorbereitet!


Die Ernten der Jahre 1938/39 waren überdurchschnittlich gut. Bei den Grundnahrungsmitteln Getreide, Kartoffeln, Fleisch und Zucker konnte sich das Deutsche Reich 1939 zu 100 % selbst versorgen. Mit Beginn des Krieges begann am 1. September 1939 die Bewirtschaftung mit Lebensmittelkarten. Fett, Fleisch, Butter, Milch, Käse, Zucker und Marmelade waren von der Zwangsrationierung betroffen. Knapp 3 Wochen später folgen Brot und Eier, die es dann nur noch auf Marken gab. Auch Textilien sind ab Oktober 1939 ausschließlich gegen Marken ("Reichskleiderkarte") erhältlich. Seit 1941 unterliegen alle Nahrungs- und Genussmittel der Pflicht zur Preisauszeichnung. Im Rahmen der Kriegswirtschaft greift der Staat immer mehr in das wirtschaftliche Geschehen ein. Natürlich waren solche Eingriffe des Staates während der Kriegszeit durchaus notwendig, um eine einigermaßen vernünftige Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen.



Aber dennoch herrschte während des Krieges (von den letzten Monaten vor Kriegsende einmal abgesehen) kein gravierender Mangel an Lebensmitteln und Gegenständen des täglichen Verbrauchs. Immerhin hatte der "Normalverbraucher" in den ersten Kriegsjahren jeden Sonntag Fleisch als Hauptgericht auf dem Tisch. 1939/40 wurden ihm 2435 Kalorien zugestanden, 1941/42 immer noch knapp 2000.


Hunger litt die Zivilbevölkerung deshalb während der Kriegszeit bis etwa Ende 1944 nicht; so erlebte ich es auch als kleiner Junge. Natürlich fehlte es an besonderen Lebensmitteln wie z.B. Südfrüchten und Reis. Insbesondere verschwanden bei Kriegsbeginn die sogenannten Importwaren (Kaffee, Kakao und natürlich alle exotischen Früchte) aus den Regalen; Fleisch und Molkereiprodukte waren knapp. Aber man kam durchaus über die Runden, zumal ab 1940 auch vom NS-Regime gezielt Lebensmittel in den besetzten Ländern requiriert wurden. Natürlich waren die Deutschen während des Krieges auch sehr einfallsreich. Jedes Fleckchen Erde wurde als Gartenland hergerichtet. Selbst Balkone und Fenstersimse waren mit Pflanzkübeln versehen, in denen man Tomaten und allerlei Gemüse anpflanzte. Eingeweckt wurde so ziemlich alles: vom Apfelmus, über Tomaten bis hin zu Bohnen. Selbst in noblen Wohngebieten der Städte wurden in den nun leeren Garagen (die PKWs waren ja beschlagnahmt worden) Hühner und Hasen gehalten. Erst ab 1942/43 entstand allmählich eine Verknappung der gängigen Lebensmittel. Das Jahr 1942 war ein kritisches Jahr hinsichtlich der Fettversorgung. Doch zu wirklich ernsthaften Ernährungsproblemen wie im Ersten Weltkrieg kommt es nicht.


Im Laufe der Kriegszeit wurden im Nahrungsmittelbereich vielfach Ersatz- und Zusatzstoffe eingeführt (Malzkaffee, Kunsthonig, Tartex-Brotaufstrich, Zichorie usw.). Typisch für die damalige Zeit waren die sog. "Kriegsrezepte". Man bereitete z. B. aus Kartoffelteig durchaus gut schmeckende Süßspeisen wie Apfelstrudel und ähnliche Gerichte. Über Tageszeitungen und Illustrierte wurden während der Kriegszeit ständig "Kriegsrezepte" in Umlauf gebracht. Dabei ging es nicht nur um das übliche Essen, sondern auch um Brotaufstriche, die man aus Zuckerrüben bereiten konnte und Beschreibungen, wie man aus Knochen, Pottasche und anderen Grundstoffen Kernseife herstellen konnte.


Zwangsläufig kam es während der Kriegsjahre auch zu einer Verknappung der Heizmittel (Holz, Kohle, auch teilweise Gas und Strom) und deshalb führte man wieder die sogenannten Kochkisten ein. Das waren gut isolierte Behälter, in denen gekochte Gerichte in Töpfen warm bzw. im Garzustand gehalten werden konnten. Während der letzten Kriegsjahre gab es dann sonderbare "Ersatzheizstoffe", nämlich gepresste Briketts aus Kohlenstaub, denen Ton beigemischt war. Solche Heizstoffe erzeugten natürlich wenig Wärme, aber man konnte über mehrere Stunden Öfen in Betrieb halten, vor allem wenn man diese Briketts noch mit Zeitungspapier umwickelte. In den letzten Kriegsjahren wurden die Heizmittel (Kohle, Holz) immer knapper und deshalb begann man damals in den Wäldern verwertbares Holz zu suchen. Bei Kriegsende und danach bis zur Währungsreform vermittelten die Wälder einen total "aufgeräumten" Eindruck, weil jedes Stückchen Holz aufgelesen wurde. Sogar Tannenzapfen wurden eingesammelt, getrocknet und dann als Heizmittel verwendet.

Die eigentlichen Hungerjahre begannen in den letzten Kriegsmonaten und endeten anfangs 1948.

Erst im Februar 1945 bricht die deutsche Ernährungswirtschaft zusammen; die letzten Lebensmittelmarken enthalten keine Mengenangaben mehr (siehe "100 Jahre Edeka", Seite 40, Erscheinungsjahr 2007).


Mitunter ist heute die Rede davon, dass die kämpfende Truppe im Felde große Probleme mit der Lebensmittelversorgung hatte. Mein Vater erzählte mir zwar auch von "gelegentlichen Engpässen" bei der Truppenversorgung. Nach seinen Aussagen wurde die Truppe aber bis etwa Ende 1944 meist ausreichend mit Lebensmitteln versorgt. Natürlich gab es bei den einzelnen Waffengattungen erhebliche Unterschiede. So waren wahrscheinlich Infanteristen schon ein wenig "neidisch", wenn sie von der besonderen Verpflegung des fliegenden Personals der Luftwaffe hörten. Dort gab es immerhin bis Kriegsende die Scho-Ka-Kola Schokolade und weitere hochwertige Lebensmittel, über die Feldküchen der Infanteriedivisionen wohl meist nicht verfügten.


Der gefallene Kamerad Werner Rauchheld hinterließ einen handgeschriebenen Zettel, den ein Unteroffizier der Feldküche für einen Trupp von 8 Soldaten an Weihnachten 1942 ausfüllte, den wir unten stehend veröffentlichen. Die Versorgung mit Rauchwaren, Gebäck, Sekt, Süßigkeiten usw. je Soldat kann man für damalige Verhältnisse als „reichlich“ bezeichnen. Und damit ist vielleicht auch die Behauptung von der generell schlechten Versorgung der Truppe widerlegt. Engpässe gab es natürlich in Einzelfällen auch (z.B. bei eingekesselten Truppenteilen wie in Stalingrad oder bei zeitlich beschränkten Nachschubproblemen).

Bei solchen „Sonderzuteilungen“ - wie an Weihnachten 1942 - verbesserte sich wahrscheinlich auch die Stimmungslage bei der kämpfenden Truppe und das war ganz im Sinne des NS-Staates.

Weihnachtsration 1942

Die "Zigarettenwährung"

Die Nationalsozialisten sahen im Tabakkonsum der Deutschen grundsätzlich eine Gefahr für die „Volksgesundheit“. Ab 1938 versuchten sie sogar, das Rauchen – vor allem unter Frauen – durch gezielte Maßnahmen einzudämmen. Dazu zählten Rauchverbote in öffentlichen Gebäuden und Werbebeschränkungen. Dies änderte jedoch nichts daran, dass sich der durchschnittliche Zigarettenverbrauch in Deutschland zwischen 1930 und 1940 von rund 500 auf 1000 Zigaretten pro Kopf verdoppelte. Im Februar 1943 wurden alle Veranstaltungen gegen den „Tabakmissbrauch“ offiziell eingestellt. Das NS-Regime hatte einsehen müssen, dass die Zigarette gerade im Krieg für viele Menschen ein wichtiges Psychopharmakon darstellte.

Quelle: http://www.fotoarchiv-reemtsma.de/Themen/02_NS/index.html


Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden Tabak und Tabakerzeugnisse rationiert; es gab nun Raucherkarten: Für erwachsene Männer, denen pro Monat 40 Zigaretten zustanden, und für Frauen im Alter von 25 bis 55 Jahren, die pro Monat 20 Stück erhielten. Die Soldaten der Wehrmacht im Fronteinsatz erhielten höhere Zuteilungen an Tabakwaren. Frontsoldaten bekamen im Laufe des Krieges über die sogenannten Marketenderwaren 200 und mehr Zigaretten im Monat bzw. Zigarren oder Tabak in größeren Mengen als Zivilisten. Mitunter war es deshalb sogar so, dass Soldaten von der Front Zigaretten, Zigarren oder Tabak an Verwandte per Feldpost versandten.


Nach den Vorkriegsparolen der NSDAP "raucht die deutsche Frau nicht...". Dennoch gab es auch Raucherkarten für Frauen, egal ob sie rauchten oder Nichtraucher waren. Meine Mutter war Nichtraucherin, aber auf die Abschnitte ihrer Raucherkarte kaufte sie immer die ihr monatlich zustehenden 20 Zigaretten, denn dafür bekam man bei Handwerkern eine Vorzugsbehandlung, z.B. wenn der Wasserhahn tropfte, kam der Meister sofort, weil ihm zusätzlich Zigaretten zugesichert wurden. Und so entwickelten sich Zigaretten klammheimlich zu einer Art Währung während des Krieges.....


Mit Zigaretten konnte man auch Gegenstände des täglichen Gebrauchs (z.B. eine Radioröhre für den Volksempfänger) und manchmal sogar Lebensmittel außerhalb des Kartensystems bekommen. Und so etablierten sich Zigaretten und alle anderen Tabakwaren zu einem potenten Zahlungsmittel der Kriegszeit. Die "Oberen des NS-Staates" dürften dies ziemlich genau gewusst haben. Um die Bevölkerung während des Krieges einigermaßen "bei Laune zu halten", nahm man solche kleinen Verstöße gegen das vorgegebene Kriegswirtschaftssystem (fast) klaglos hin.

Mangel allenthalben – aber es gab Ausnahmen

Schwarz-Weiß-Filme für Fotoapparate konnte man während des Krieges stets kaufen.

Das Filmmaterial war zwar oftmals von minderer Qualität, weil an den Grundsubstanzen gespart werden musste. Aber jeder, der eine Kamera besaß, fotografierte während der Kriegszeit - an der Front und in der Heimat. Es gab zur Kriegszeit auch genügend Fotoateliers, die das Entwickeln und Herstellen der Papierbilder übernahmen. Auch diese Materialien für die Filmentwicklung und das Fotopapier hatten wegen des Krieges einen minderen Qualitätsstandard und so sind Bilder aus dieser Zeit farblich recht verfremdet. Es gab damals keine massiven Beschränkungen, was der Normalbürger nicht fotografieren durfte. Ausgenommen waren gewisse kriegswichtige Dinge (Waffen, Bunkeranlagen u.ä.) und mit Beginn des Luftkrieges war es nicht erlaubt, die Ruinenlandschaften in den Städten zu fotografieren. Vielfach hielten sich die Hobbyfotografen der damaligen Zeit an solche Verbote meist nicht, aber Strafen gab es bei Verstößen nur selten.


Die deutschen Frauen waren während der ganzen Zeit des Krieges in aller Regel durchaus gut frisiert. Man gönnte sich den Besuch beim Friseur, ließ sich den Kopf waschen und eine Wasserwelle legen. In den letzten Monaten des Krieges und auch in der Nachkriegszeit musste man zum Damenfriseur ein Brikett mitbringen, um die Wasserwelle zu bekommen. Heißes Wasser war wegen der Brennstoffknappheit ab Ende 1944 schon irgendwie ein Luxusgut. Und deshalb brachten die betroffenen Frauen auch brav ein Brikett mit, nur um ihr Haar „gestylt“ zu bekommen.

  Gemüse und Obst wurden immer mehr zur Mangelware, je länger der Krieg dauerte. Um diesen Mangel sinnvoll verwalten zu können, wurden die geringen Mengen, die es zu verteilen gab, als sogenannte „Sonderzuteilungen“ und gegen Marken aufgerufen. Am Tage der Zuteilung bildeten sich dann endlose Schlangen vor den Lebensmittelgeschäften. Wer am hinteren Teil der Schlange stand, der hatte buchstäblich Pech, weil dann meist ausverkauft war. Und so gingen diese Zeitgenossen dann ohne Pflaumen oder Buschbohnen nach Hause.

  Kurioserweise gab es aber gewisse Obst- und Gemüsesorten, die waren meist vorrätig. Das waren z.B. Karotten und Rhabarber und mit diesen Dingen wurde man dann wegen „der Vitamine“ als Kind reichlich „verwöhnt“. Dieses grässliche Karottengemüse stand ständig auf dem Speiseplan und Rhabarber gab es in diversen Variationen (Kompott, Johannisbeere-Rhabarbermarmelade, Rhabarberkuchen usw.). Da man zwangsläufig solche Dinge sehr oft essen musste, entwickelte sich bei mir eine totale Abneigung gegen Karotten und Rhabarber. Heute ist für mich auch nicht nachvollziehbar, woher die großen Mengen an Karotten und Rhabarber damals kamen. Wahrscheinlich wurden Karotten und Rhabarber während des Krieges bewusst massenhaft angebaut!

Auch Kürbisse waren während der Kriegszeit immer wieder "im Angebot". Obwohl ja Kürbisse der Gattung Gemüse zuzuordnen sind, wurden Kürbisse während der Kriegszeit unter Verwendung anderer Obstsorten (Äpfel, Johannisbeeren) oft zu Kompott verarbeitet. Mitunter gab es auch eine Kürbiscreme-Suppe, aber für solche Suppen hatte ich schon als Kind kein Faible.


Selbst während des Krieges blieben die Nahrungsmittelwirtschaft und der Einzelhandel noch innovativ. So führte z.B. die Fa. EDEKA im Frühjahr 1941 ein neues Lebensmittelsortiment ein: die "Reformwaren-Ecke". Angeboten wurden Vollkornprodukte auf Weizenbasis, die sog. "Brotary-Nahrung". Dabei spielte auch die Propanganda eine große Rolle. Manche EDEKA-Händler arbeiteten mit folgender Werbung in ihren Schaufenstern: "100erlei für Küche und Haus....und das nennt England Blockade"

(Quelle: "100 Jahre EDEKA", Ausgabe 2007, Seite 40)


Gefallen für Deutschland....

Todesanzeigen.jpg

Die Todesanzeigen gefallener Soldaten mit dem Eisernem Kreuz waren ein ständiger Bestandteil in den damaligen Tageszeitungen. Selbst ich als kleiner Junge wusste in den letzten Kriegsmonaten, dass dies Todesanzeigen waren, obwohl ich damals noch nicht eingeschult war und außer einigen Buchstaben und Zahlen, die ich kannte, noch nicht das Lesen und Schreiben beherrschte.

Ich erlebte hautnah, wie ein Bekannter meiner Eltern binnen einiger Monate 3 seiner Söhne als Soldaten an der Ostfront verlieren musste. Zur alltäglichen Not der Kriegsjahre (Luftangriffe, Nahrungsmittelmangel usw.) kamen dann auf die Menschen noch solche schlimmen Schicksalsschläge hinzu. In unserer Dorfkirche gab es ständig Totenmessen für die Gefallenen, die "in fremder Erde bestattet wurden", wie es in der Diktion der damaligen Zeit hieß.

Bis 1944 waren die Angehörigen der gefallenen Soldaten noch "relativ frei" hinsichtlich den Texten in den Todesanzeigen. Genaue Bezeichnungen zu den Wehrmachtsteilen waren aber immer unerwünscht. Und so findet man in den damaligen Anzeigen fast nie die nummerische Bezeichnung der Einheit des Gefallenen.

Aus den vorstehenden Formulierungen der Gefallenenanzeigen kann man gut herauslesen, wie jemand zum NS-Staat steht. Typisch sind die beiden untereinander stehenden Anzeigen des Gefreiten Voßhage. Die Angehörigen formulieren ohne Hinweise auf den NS-Staat, während die Betriebsführung "vom treuen Gefolgsmann Adolf Hitlers" schreibt.      

Geschichten

Kinder im Krieg

Kinder sind immer die Leidtragenden der Kriege! Soldaten der Wehrmacht trafen in Kampfgebieten Russlands in den Jahren 1941 und 1942 - beim schnellen Vormarsch - vielfach auf Zivilbevölkerung (meist nur Frauen, alte Männer und Kinder), die infolge der Kriegswirren zwischen der deutschen und russischen Front verblieben war.

Die materielle Not der Zivilbevölkerung in den russ. Kampfgebieten war groß. Mein Vater erlebte, das was ich jetzt schildere, etwa im Mai 1942 im Gebiet von Obojan, einem damals ruhigen Frontabschnitt.

Die russischen Frauen und Männer waren gegenüber den Soldaten der Wehrmacht sehr zurückhaltend. Die Kinder hatten da weniger Probleme. Sie waren plötzlich da und baten um Brot.

Die Versorgungslage war damals gut und so gaben Soldaten des Regiments 199 der ID 57 Teile ihrer Kaltverpflegung ab (Brot, Tubenkäse, Wurst u.ä.). Die Kinder nahmen diese „Geschenke“ mit nach Hause und versorgten damit auch ihre Mütter. Man hatte richtiggehend Mitleid mit diesen ausgehungerten Kindern, wie mein Vater erzählte.

Man wollte den Kindern etwas „Süßes“ bieten. Schokolade oder Bonbons gab es an der Front nicht, aber Kunsthonig und den bekamen fortan die Kinder, die dann ganz begeistert waren über diese „süße Pracht“ ......

Als fast 6-Jähriger erlebte ich 1945 das Kriegsende. Die deutsche Zivilbevölkerung litt in den ersten Jahren buchstäblich an Hunger. Die US-Soldaten hatten anfangs ein striktes Fraternisierungsverbot. Es gab also keinerlei Kontakte mit den Deutschen. Die deutschen Kinder verhielten sich fast ebenso wie die russ. Kinder 1942 in Obojan: Sie hatten nicht die geringsten Berührungsängste, was die US-Soldaten betraf.

Als mich meine Mutter im Juli 1945 zum Einkaufen schickte, beschenkte mich ein farbiger US-Soldat (er war – wie sich später herausstellte – Armeepfarrer) überreichlich mit Süßigkeiten. Wenn Konvois der US-Armee durch die Straßen fuhren, dann standen wir Kinder meist am Straßenrand, weil wir wussten, dass die Soldaten uns immer wieder Süßigkeiten zuwarfen.....

Eigentlich versöhnlich ist dann doch die Tatsache, dass Soldaten aller Armeen mit Kindern menschlich umgehen!

Dekofrüchte

Gewisse Obstsorten (z.B. Kirschen, Weintrauben) waren während des Krieges Mangelware. Meistens waren solche Obstsorten nur gelegentlich als sog. Sonderzuteilung zu kaufen. Südfrüchte gab es während des Krieges überhaupt nicht, von italienischen Zitronen einmal abgesehen, die es eventuell an Weihnachten stückweise zu kaufen gab.

Eine Besonderheit der Kriegszeit waren die sogenannten Dekofrüchte. In vielen damaligen Wohnzimmern wurden auf einer Schale Früchte aller Art (auch Bananen, Orangen, Hawaii-Ananas) präsentiert. Diese Früchte sahen zwar täuschend echt aus, aber leider waren dies nur Dekofrüchte aus Wachs.

Aufgrund dieser Dekofrüchte wusste ich natürlich schon, wie Weintrauben, Bananen, Orangen usw. aussahen, auch wenn ich sie als 4-Jähriger noch nie gegessen hatte. Aber "kleine Wunder" gab es während der Kriegszeit auch! Ein Bruder meines Vaters war im Sommer 1943 in Südrussland als Panzer-Soldat im Einsatz und in dieser Gegend gab es Orangen. Ganz überraschend bekamen wir ein ziemlich kleines, braunes Feldpostpäckchen und das enthielt 6 Orangen, die wunderbar süß schmeckten. Auf die nächsten Orangen musste ich leider bis nach dem Krieg warten. Meine erste Banane kaufte mir meine Mutter nach der Währungsreform im Monat August 1948 und die kostete damals 1,50 DM. Bei monatlichen Durchschnittsverdiensten von rund 200 DM war das eine "teure Angelegenheit".


Dekofrüchte gibt es auch heute, wie das nachstehende Bild unter Beweis stellt. Im Gegensatz zur Kriegszeit werden Dekofrüchte nur im gewerblichen Bereich zur Werbung und Präsentation verwendet. Solches "Kunstobst" wird nun aus hochwertigem Kunststoff hergestellt.

Dekofrüchte.jpg







Der Endsieg - und was Soldaten an der Ostfront davon hielten

Die Generation der Söhne hatte noch die Möglichkeit, mit Teilnehmern des Russlandfeldzuges über die damalige Stimmungslage an der Front zu reden. Was man da von Vätern, Verwandten und Bekannten erfuhr, die damals als Soldaten in Russland den Krieg erlebten, war wohl eine ziemlich gleiche Bewertung der damaligen Verhältnisse.


Manche Soldaten – auch solche mit kritischer Einstellung zum NS-Staat – dachten nach den erfolgreichen Feldzügen gegen Polen und Frankreich, dass nun der Krieg zu Ende sei oder aber, dass bei einer Fortführung des Krieges Deutschland weitere Siege erringen könnte.

Viele der erfahrenen Berufssoldaten waren 1941 sehr skeptisch, als der Krieg im Osten begann. Die Rückschläge in Russland (vor allem vor Moskau) ließen den Glauben an ein siegreiches Ende des Russlandfeldzuges schwinden. Der Frontsoldat erkannte an der harten Realität, dass der Krieg in Russland nicht ohne weiteres siegreich zu beenden war. Etwas Hoffnung kam dann auf, als im Sommer 1942 der Vormarsch im Mittel- und Südabschnitt begann.


Nach der Katastrophe von Stalingrad gab es – von einigen Ausnahmen abgesehen, wie z.B. die Wiedereroberung Charkows - für die deutschen Armeen nur noch Rückzugsgefechte. Die Sportpalastrede von Reichsminister Goebbels am 18.Februar 1943 war für viele Soldaten der Hinweis für eine Art von Endzeitstimmung. Losungen wie „totaler Krieg“ oder die Parole vom „Endsieg“ wurden von den meisten Frontsoldaten nicht als realistisch angesehen.


Ja, fragte ich meinen Vater, was dachten die Soldaten an der Front, als es nur noch Rückzugsgefechte gab. Die Antwort, die ich erhielt, war ziemlich lapidar! Die Soldaten hatten bei den oft harten Gefechten und hohen Verlusten ganz andere Probleme, als intensiv darüber nachzudenken, wie dieser Krieg wohl enden würde. Man glaubte zwar nicht an den Endsieg und an die berühmten Wunderwaffen, doch 1943/44 gab es noch einen Rest von Hoffnung, dass dieser Krieg irgendwie einmal zu Ende gehen würde. Ein Kriegsende, wie es dann 1945 eintrat, erwartete man in dieser schlimmen Form eigentlich wohl nicht. Es gab ja immer die berühmten Gerüchte an der Front, wie z. B. des Inhalts, dass Stalin und Hitler in Schweden durch Abgesandte Geheimverhandlungen über einen Waffenstillstand führen würden.


Heute wissen wir, dass diese Gerüchte auf Tatsachen beruhten. Seit Dezember 1942 versuchte die Sowjetunion über die von einer Frau Kollontai geleitete Stockholmer Botschaft Kontakt mit Vertretern des Deutschen Reichs aufzunehmen, um zu "Friedensgesprächen einzuladen". Dies scheiterte an der Weigerung Hitlers im September 1943. Im März und April 1944 erwog Hitler, von Goebbels gedrängt, nun doch Verhandlungen mit der Sowjetunion zu führen. Aber dies geschah nur halbherzig und war angesichts der Kriegslage schon aussichtslos. (Quelle: Deutschland Traum oder Trauma (S. 436, 437), von Werner Maser, Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., 1984). Vorgespräche über ein Ende des deutsch-sowjetischen Krieges fanden definitiv auf einer etwas unteren Ebene statt. Seit Dezember 1942 trafen sich in Stockholm mehrmals ein Herr Edgar Klein und ein Dr. Peter Kleist. Beide Herren sprachen wie vernünftige Menschen miteinander, ob es nicht nunmehr an der Zeit sei, den für beiden Seiten so opferreichen Kampf im Osten durch eine deutsch-sowjetische Übereinkunft zu beenden. Dr. Peter Kleist war nicht "irgendwer". Als Ministerialdirigent im Auswärtigen Amt befand er sich mit einem Spezialauftrag Ribbentrops in Stockholm. Hitler wird davon wohl gewusst haben. Herr Edgar Claus war zweifelsfrei legitimiert als Mittelsmann der Sowjetregierung und Vertrauensmann Alexandrows, des Leiters der Deutschlandabteilung im sowjetischen Außenministerium. Leider kamen diese Gespräche über ein "gewisses Abtasten" nicht hinaus und wurden dann eingestellt (Quelle: Odyssee in Rot von Heinrich Gerlach, Büchergilde Gutenberg, S. 229).


In der letzten Phase des Krieges versuchte dann der NS-Staat die Wehrmacht zu politisieren. Man führte nach dem 20.7. 1944 bei den Soldaten den Deutschen Gruß ein. Der Erfolg blieb aus, man grüßte weiterhin in der üblichen militärischen Form.


Den NSFO, das braune Gegenstück des "Politruk", des Politischen Kommissars in den Einheiten der Roten Armee, führte Hitler mit Erlass vom 22.12.1943 ein. Irgendwie war diese Entscheidung Hitlers nicht im vollen Umfange nachvollziehbar, zumal eben er selbst im ersten Jahr des Ostfeldzuges die Politischen Kommissare der Roten Armee erbarmungslos ausrotten ließ! Und nun hatte Ende 1943 der Politische Kommissar der Sowjets sogar Vorbildfunktion für den NS-Führungsoffizier!


Die Einführung des NS-Führungsoffiziers sollte die Wehrmacht in massiver Form politisch beeinflussen. Es muss für den NS-Staat eine recht negative Erfahrung gewesen sein, als die Meldungen für solche Posten dürftig ausfielen. Viele fachlich gut qualifizierte Offiziere lehnten schlichtweg mit der Begründung ab, sie wollen lieber in ihrer bisherigen Funktion bei der kämpfenden Truppe bleiben. Eigentlich hatte man vor, Mitglieder der NSDAP zu gewinnen (bis 24.9.1944 ruhte bei Mitgliedern der NSDAP die Mitgliedschaft während der Wehrmachtszugehörigkeit; danach konnte jeder Soldat der NSDAP beitreten). Aber Parteimitglieder gab es nicht viele in der Wehrmacht; letztendlich nahm man jeden als NS-Führungsoffizier. Eine Mitgliedschaft in der NSDAP wurde deshalb ausdrücklich nicht gefordert!


Der letzte Rest von Hoffnung schwand bei den Soldaten, wenn sie während des Heimaturlaubs den Bombenkrieg im Luftschutzkeller erleben mussten. In der Endphase des Krieges hoffte wohl jeder Soldat an der Ostfront, dass er diesen Krieg lebend überstehen wird. Die Kampfmoral nahm ab; es ging nur noch um das nackte Überleben.....

Ein typisches Plakat zum "Endsieg-Glaube"

Der "Weiß-Ferdl-Rock"

Das Heer hatte einen recht pompösen Paraderock, der auch als Waffenrock bezeichnet wurde. Diese Uniformjacke war sehr eng geschnitten und hatte auffällige Applikationen an den Ärmelenden. Besonders beliebt war sie wohl nicht, diese enge und altmodische Uniformjacke. Im süddeutschen Raum hatten die Soldaten gleich wieder einen Spitznamen für diese Uniform parat: Sie nannten die Uniformjacke „Weiß-Ferdl-Rock“, weil der damals allseits bekannte Münchner Komiker oftmals in Phantasieuniformen auftrat, die ähnliche Verzierungen an den Ärmelenden aufwiesen. Erst kürzlich erfuhr ich, dass dieser Uniformrock auch als "Sarrasani-Rock" bezeichnet wurde.


Prächtig war sie schon diese Uniform! Jedenfalls hatten Feldwebel aufwendige Kragenspiegel wie Stabsoffiziere im Rang eines Obersten. Unteroffiziere und Offiziere ließen sich oftmals diese Uniform privat schneidern (meist in recht guter Passform und in besserer Stoffqualität).

Die Produktion des Parade- bzw. Waffenrocks wurde 1940 eingestellt.

Ab 1940 wurde dieses Uniformteil auch nicht mehr an neu eingezogene Soldaten ausgegeben.

Während des ganzen Krieges hing diese Paradeuniform bei uns zu Hause wohlverwahrt im Kleiderschrank.

In den Krieg zogen die Soldaten der Wehrmacht mit der üblichen Uniform, die weder ausreichend gegen Kälte noch Nässe schützte. Die US-Armee und die Soldaten der Roten Armee verfügten schon bald während des Krieges über Kampfanzüge, die aus wasser- und windabweisenden Stoffen hergestellt waren. Die Soldaten der Wehrmacht hatten als Wetterschutz in den Jahren bis 1944 nur eine Zeltplane zur Verfügung, die gegen die größten Unbilden der Witterung schützen sollte. Eigentlich ein Armutszeugnis für den NS-Staat! Man hatte zwar für Paraden die passende Uniform, schickte aber die Soldaten der Wehrmacht in absolut unzureichender Ausstattung in den Krieg!

Tarnanzüge aus wasserundurchlässigen Stoffen kamen bei der Wehrmacht erst in den letzten Kriegsmonaten zur Verwendung. Einheiten der SS hatten solche Tarnuniformen schon früher im Einsatz.

Die Paradeuniform hing also nach Kriegsende noch immer im Kleiderschrank meiner Eltern, bis dann eine Änderungsschneiderin daraus einen richtigen schicken Trachtenjanker schneiderte, den mein Vater in den Nachkriegsjahren in seiner Freizeit trug.


Ein Hinweis zum "Weiß Ferdl"

Dieser bayerische Komiker, der mit bürgerlichem Namen Ferdinand Weisheitinger hieß, wirkte in vielen damaligen Filmen mit und war auch auf Theaterbühnen präsent. Ursprünglich hegte der Ferdl Weiß wahrscheinlich Sympathien für den NS-Staat und trat 1940 der NSDAP bei. Während des 2. Weltkrieges äußerte er sich aber mehrmals über Staat und dessen Parteispitzen in aller Öffentlichkeit recht kritisch.

Deshalb war er kurz im Gefängnis, weil er eine Schweinefamilie auf der Bühne vorstellte: „Sohn Mann, Tochter Mann, Frau Mann, Herr Mann.“ (Eine eindeutige Anspielung auf Hermann Göring!)

Nach seinem Gefängnisaufenthalt stellte er die Schweine auf der Bühne erneut vor: „Sohn Mann, Tochter Mann, Frau Mann - und wegen dem Schwein da, saß ich im Gefängnis!“

Seine kritischen Äußerungen blieben nicht ohne Folgen. Während Weiß von 1928 bis 1940 bei vielen Filmen mitwirkte, war er ab 1941 als Filmschauspieler in komischen Rollen nicht mehr gefragt.




Weiß-Ferdl-Rock 1.jpg Weiß-Fedl-Rock 2.jpg

Bild 1: Die Chargen der Feldwebel heirateten natürlich in Paradeuniform und als Portepee-Unteroffiziere mit umgeschnallten Degen!
        Hinten rechts (mit Schützenschnur): Albert Riß    
Bild 2: Abmarsch zur Vereidigung. Die Truppe trägt Paradeuniform; der Offizier im Vordergrund die normale Dienstuniform und 
        Paradekoppel für Offiziere. Zweiter von links (mit Schützenschnur): Albert Riß

Fronturlaub

Vor der Abfahrt an die Ostfront

Es gab zwar nach 1942 an der Ostfront immer wieder Urlaubssperren, aber trotzdem legten die Kompaniechefs Wert darauf, dass die unterstellten Soldaten nach Möglichkeit einmal alle 12 Monate Heimaturlaub bekamen, sofern die Frontlage dies zuließ. Die allseits beliebten "Sonderurlaube" gab es zusätzlich bei besonderen familiären Ereignissen (Taufe, Hochzeit, usw.), aber auch nach Bombenangriffen in der Heimat, wenn Bombenschäden eingetreten und Familienangehörigen als "ausgebombt" klassifiziert waren.

Die Soldaten traten den Heimaturlaub in voller Montur an (Uniform, Gasmaske, Stahlhelm, Karabiner bzw. Sturmgewehr oder Pistole mit der dazu passenden Munition). In dieser Aufmachung kam mein Vater auf Heimaturlaub und so ging es auch wieder zurück an die Front. An Heimaturlaube meines Vaters (Ende 1943 bzw. 1944) kann ich mich noch erinnern. Besonders in Erinnerung verblieb mir ein Urlaub Ende 1944, da kam mein Vater in einer Tarnuniform (Flecktarn wie die damaligen Dreieckszeltplanen der Wehrmacht) zu Hause an. Diese Uniform war alles andere als sauber; sie wurde sofort von meiner Mutter gewaschen.

Aus den Erzählungen meines Vaters weiß ich, wovon der Frontsoldat so träumte: von einem ausgiebigen Wannenbad und einem kühlen Bier. Unser damaliger Hausbesitzer war als Bierfahrer (seinerzeit noch mit Brauereipferden) bei einer großen Brauerei angestellt und der gab von seinem Haustrunk (täglich 2 Liter Bier) einige Flaschen an meinen Vater ab. Ob es sich dabei um das in der Kriegszeit übliche Dünnbier oder um eine bessere Bierqualität (also Vollbier) handelte, ist mir nicht bekannt.

Das Ende eines solchen Fronturlaubes muss für alle Beteiligten irgendwie schlimm gewesen sein. Es herrschte ja die Angst, ob Frau und Kind den Ehemann und Vater je wieder gesund und lebend sehen werden. Abschiede auf den Bahnhöfen verliefen zuweilen wohl tränenreich. Das nebenstehende Bild (aufgenommen Ende 1943 - vor der Abfahrt an die Front) bedarf deshalb keines weiteren Kommentars. Jedenfalls blickten mein Vater und ich "tapfer lächelnd" in die Kamera!

Solche Fotos vom Abschied der Fronturlauber machten vielfach Berufsfotografen, die beim damaligen Andrang auf den Bahnsteigen der Bahnhöfe wahrscheinlich gut beschäftigt waren. Der Stempelaufdruck auf der Rückseite des nebenstehenden Bildes beweist auch in diesem Fall, dass das Foto von einem Fotoatelier stammt.

Das Kriegswinterhilfswerk

Kriegswinterhilfswerk.jpg

Das 1933 gegründete Winterhilfswerk wurde ab dem Polenfeldzug zum Kriegswinterhilfswerk umbenannt. Die Aktivitäten während der Kriegsjahre waren erheblich. Ob der Sammlungserlös tatsächlich auch während des Krieges überwiegend sozialen Zwecken zugute kam, ist zu bezweifeln. Im Sammlungsjahr 1942/43 wurden runde 1,6 Mrd. RM über Straßensammlungen und Gehaltsabzüge erlöst, das entspricht einem heutigen Wert von rund 6 Mrd. €. Auch während der Kriegszeit waren die "Sammler" mit ihren roten Büchsen unermüdlich unterwegs. An diese Sammler kann ich mich heute durchaus noch erinnern. Aber recht interessant waren auch die "Sammlerabzeichen" der damaligen Zeit, die trotz des Krieges ordentlich gestaltet waren. Da gab es Serien mit Schmetterlingen und "Vögel unserer Heimat", um nur Beispiele zu nennen.

Siehe hierzu:

Abzeichen des Kriegswinterhilfswerks

Meine Mutter war eine begeisterte Sammlerin diverser Abzeichen (Vögel, Schmetterlinge, Tiere usw.). An einer Wandbespannung in unserer Wohnküche waren sie in Reih und Glied angeheftet. Das Ganze hatte für mich auch einen vorschulischen Effekt. Ich war schon in der 1. Klasse ein kleiner Kenner der deutschen Vogelwelt.

Die Genesendenkompanie beim Ers.Btl. 199....

Soldaten des Inf. Reg. 199 der 57 ID kamen nach ihren Verwundungen immer zur Genesendenkompanie des Ers.Btl.199. Volkstümlich nannte man solche Kompanien damals „Genesungskompanie“. Mein Vater wurde während des Krieges mehrmals verwundet und war danach immer wieder beim Ers.Btl. 199.

In den Monaten September / Oktober 1943 war mein Vater erneut bei dieser Genesendenkompanie. Ich durfte ihn zusammen mit meiner Mutter in Brannenburg besuchen. Damals war ich im 5. Lebensjahr. Die Eindrücke waren für mich so überwältigend, dass mir eine gute Erinnerung an die damalige Zeit verblieben ist. Tagsüber war mein Vater im Dienst. Am Abend kehrten wir jeweils in einer Gaststätte in Brannenburg ein. In dieser Gaststätte erhielten Soldaten und deren Angehörige Suppe und Pfannenkuchen ohne Abgabe von Lebensmittelmarken. Für damalige Verhältnisse war das eine Sensation!

Meinen Vater sah ich damals nur in Uniform – auch wenn wir privat unterwegs waren. So fuhren wir auf den Wendelstein und machten an einem anderen Tag - bei strömenden Regen - einen Ausflug mit einem Dampfer auf dem Chiemsee. Meine Mutter und ich waren 8 Tage in einem Privatquartier untergebracht, das wahrscheinlich vom Ers.Btl. 199 gebucht worden war.

Im Oktober 1943 wurde das Res. Ers. Btl. 199 nach Digne-les-Bains / Frankreich (nördlich von Nizza) verlegt. Dieser Truppenteil bestand nach den Erzählungen meines Vaters zu einem großen Teil aus sog. Volksdeutschen aus dem slowenischen und kroatischen Teil des damaligen Jugoslawiens. Mein Vater gehörte zum Begleitkommando des Bahntransportes.

Bei der Rückfahrt kam mein Vater auch nach Nizza. Er war – wie er erzählte - erstaunt über das reichhaltige und modische Angebot an Kleidung in einem Kaufhaus in Nizza. Er bekam in diesem Kaufhaus aber nichts zu kaufen. Eine Verkäuferin lief ihm nach und erklärte ihm, dass sie wegen ihrer Landsleute vorsichtig sein müsse, sofern sie deutschen Soldaten etwas verkaufe.

Mein Vater solle am Abend nochmals kommen und vor allem "Essbares" mitbringen. Die deutsch sprechende Angestellte erklärte, dass es Probleme mit der Nahrungsmittelversorgung gebe. Mein Vater besorgte Brot, Wurst, Tubenkäse und Kunsthonig und bekam dann am Abend in diesem Kaufhaus einen Damenschirm, ein Chiffonhalstuch und Damenhandschuhe sowie eine beachtliche Menge an Walnüssen. Die Waren wurden zwar mit Geld bezahlt, aber die Lebensmittel waren für das franz. Verkaufspersonal wichtiger.

Im Oktober 1943 aß ich dann das erste Mal in meinem Leben Walnüsse. Nach 2 Tagen, die er zu Hause verbrachte, wurde mein Vater dann noch im Monat Oktober 1943 wieder an die Ostfront abkommandiert.

Nizza 1.jpg Nizza 2.jpg
Bild 1: Französische Torpedoboote liegen in Nizza vor Anker - Okt. 1943

       Nach der Niederlage mussten die Franzosen ihre Flotte nicht ausliefern.
       Die Schiffe lagen (abgerüstet und ohne Munition) in Toulon und den sonstigen Häfen
       bzw. Liegeplätzen. Deshalb lagen auch diese Torpedoboote in Nizza vor Anker.

Bild 2: Reger Badebetrieb am Strand von Nizza - Okt. 1943

       Im Oktober 1943 herrschte in Nizza - von den Mängeln in der Lebensmittelversorgung
       einmal abgesehen - friedensmäßiges Treiben. Vom 2. Weltkrieg war Südfrankreich bis
       dahin weitgehend verschont geblieben. Erst am 26. Mai 1944 erlebte Nizza eine
       Beschießung durch alliierte Kriegsschiffe und Fliegerangriffe. Am 15. September 1944
       begann dann die "Operation Dragoon" - die Invasion der Alliierten in Südfrankreich.

Iwan

Meine Großmutter betrieb während des Krieges – völlig auf sich gestellt – eine kleine Landwirtschaft. Der Hoferbe war schon bei Kriegsbeginn zur Wehrmacht eingezogen worden.

Etwas überraschend wurde meiner Großmutter Ende 1943 ein ukrainischer Kriegsgefangener als Knecht zugeteilt. Er hieß Iwan und war schon seit Beginn des Russlandfeldzuges (1941) in einem deutschen Kriegsgefangenenlager untergebracht. Iwan war recht froh, wieder ein vernünftiges Leben auf einem Bauernhof führen zu können, zumal er in der Ukraine auch in der Landwirtschaft tätig war. Von Vorteil für uns alle war, dass man mit Iwan deutsch sprechen konnte. Er verstand die meisten Dinge und konnte auch (leidlich) auf deutsch antworten.

Meine Großmutter wurde angewiesen, den Kriegsgefangenen bei Nacht in seiner Kammer einzuschließen. Aber das geschah nur anfangs, dann nicht mehr. Iwan wurde ein Teil der Familie. Er konnte gut mit den landwirtschaftlichen Geräten und den Kühen, Kälbern, Schweinen sowie dem Federvieh umgehen. Iwan war für meine Großmutter ein Glücksfall.

Das deutsche Essen war für Iwan anfangs doch etwas ungewohnt, obwohl er tüchtig „zulangen“ konnte. Gleich am Anfang, als er am Hof zu arbeiten begann, gab es für damalige Verhältnisse ein wahres Festtagsessen: ein gebratenes Hähnchen, Kartoffelsalat und grünen Salat. Iwan aß alles auf, nur den grünen Salat nicht. Und Iwan sagte uns lächelnd brühwarm ins Gesicht: „Iwan nicht dumm, Iwan nicht Gras essen!“ Iwan musste sich mit „deutschen Salatgerichten“ erst vertraut machen und aß solche Dinge später auch.

Iwan war handwerklich geschickt. Er konnte so ziemlich alles auf dem Hof reparieren. Besonders gern beschäftigte er sich mit Schleifarbeiten: Messer, Scheren und alles was geschärft werden musste, das „bearbeitete“ er mit dem großen Schleifstein, der auf dem Hof der Großmutter stand. Und ich als kleiner Junge durfte immer den Schleifstein drehen. Mir bastelte er Spielzeug: Pfeil und Bogen und eine kleine Flöte. Alles wunderbar aus Nussbaumholz hergestellt.

Im Mai 1945 verließ uns Iwan. Er wollte natürlich zurück in die Ukraine zu seinen Eltern und Geschwistern. Wir warteten damals leider vergebens auf eine Nachricht von ihm.

Luftangriffe der Alliierten

Süddeutschland blieb anfangs des Krieges noch einigermaßen verschont von Luftangriffen. Ab 1943 fielen dann aber auch im Süden Deutschlands in den Ballungsgebieten der Städte vermehrt die Bomben. Beim Tag kamen die US-Bomber und bei Nacht die Bomber der Royal-Air-Force. Die Bevölkerung verwendete vielfach nicht die Begriffe „Luftangriff“ oder „Bombenangriff“, sondern den vom NS-Staat vorgegebenen Ausdruck „Terrorangriff“. Damit kann man in etwa auch die damalige Stimmungslage der Zivilbevölkerung nachvollziehen. Selbst Menschen, die mit dem NS-Staat nichts „am Hut“ hatten, sahen das Vorgehen der Alliierten als „Terror“ an.


Ab 1944 erlebte ich die Luftangriffe sehr bewusst. Wir wohnten in einer Stadtrandgemeinde von Augsburg und hatten in den letzten beiden Kriegsjahren mehrmals wöchentlich bei Tag oder Nacht Bombenalarm. Im Jahr 1944 wurde mir – wie anderen Kindern auch – eine Gasmaske verpasst. Die Anprobe empfand ich damals als ausgesprochen unangenehm. Vom schlimmsten Bombenangriff, der am 26./27.Februar 1944 erfolgte, blieben meine Mutter und ich verschont. Wir waren an diesen Tagen bei meiner Großmutter, in einem Dorf, 12 km von unserer Wohnung entfernt. Diesen schlimmen Angriff bekam man sogar aus dieser Entfernung mit, weil die Bomber Tag und Nacht Augsburg bombardierten. Es gab damals 730 Todesopfer unter der Zivilbevölkerung und über 80.000 Menschen, die durch die Angriffe ihre Wohnung verloren hatten. Am 28.Februar 1944, bei viel Schnee und Kälte, ging es zurück in unsere Wohnung. Ich saß auf einem Schlitten, den meine Mutter zog. In Augsburg und Umgebung herrschte tagelang eine unwirkliche Stimmung: Man sah keinen richtigen Himmel und keine Sonne mehr. Alles lag im Halbdunkel, der Himmel hatte die Farbe eines Milchkaffees angenommen und der Geruch der Brände war allgegenwärtig. Wir hatten Glück, das Haus, in dem wir damals wohnten, stand noch.


Wir wohnten in einem Doppelhaus. Im Kellergeschoss beider Häuser wurde die Wand für einen Durchgang geöffnet und mit einer kleinen Tür versehen, die nicht abgesperrt werden konnte. Im Falle eines Bombentreffers hätten sich die Bewohner einer Doppelhaushälfte in das andere Haus retten können. Für uns Kinder war diese Neuerung eine feine Sache beim „Verstecken spielen“, wir entwischten einfach ins Nachbarhaus.


Und dann mussten auf den Treppenabsätzen der Geschosse Eimer mit Wasser und Sand aufgestellt werden, die für den Brandfall bereit standen. Unser Keller wurde mit dicken Balken abgestützt und so zum Luftschutzkeller hergerichtet.


So schlimm diese Zeit auch war, es gab einen gewissen Gewöhnungseffekt. Meine Mutter und ich wir hatten Rucksäcke und Umhängetaschen mit den nötigsten Dingen und damit ging es dann in den Luftschutzkeller. Die Angst, diese und jene Dinge bei einem Bombenangriff zu verlieren, hatte manchmal schon sonderbare Reaktionen zur Folge. Es war sicher noch „normal“, den Wellensittich in den Luftschutzkeller samt Käfig mitzunehmen. Etwas außerhalb der Norm war vielleicht das Verhalten meiner Mutter, sie nahm bei jedem Bombenalarm ihr MENDE-Radio in einer Transportkiste mit in den Keller.


Im Keller sehnte man dann das Ende des Luftangriffes herbei, immer in der Angst, dass eine Bombe das Wohnhaus treffen könnte. Nach dem Bombenalarm liefen alle ins Freie, um zu sehen, welche Schäden entstanden waren. Mehrmals gingen an unserem Wohnhaus durch den Luftdruck von Bombenabwürfen in nächster Nähe Fensterscheiben zu Bruch. Problematisch war dann immer, einen Glaser zu finden, der die Fenster reparieren konnte. Glas war damals Mangelware. In den letzten Kriegsmonaten wurden deshalb kaputte Fenster vielfach nur noch mit Pappe provisorisch abgedichtet.


Je länger der Krieg dauerte, umso näher kamen die Bombenabwürfe. Ein Nachbarhaus – ca. 50 m entfernt – wurde von einem Blindgänger getroffen, der einen Balkon und eine Terrasse zerstörte. Am nächsten Tag wurde die Bombe entschärft und geborgen und während dieser Zeit saßen wir nur etwa 50 m entfernt im Keller, bis diese Aktion beendet war. Heute würde man in solchen Fällen ganze Straßenzüge evakuieren.


Ein andermal schlugen vielleicht 100 m von unserer Wohnung entfernt 2 Bomben in ein Wiesengelände. Die Bomben hinterließen 2 große Trichter, die sich mit Grundwasser füllten. Und in diesen „kleinen Seen“ ließen wir dann selbst gebastelte Schiffchen (kleine Holzbrettchen) schwimmen.


Dann kam die große Überraschung: Amerikanische Bomber warfen bei Tag eine Unmenge Stanniolbündel ab. Sie sahen aus wie Lamettastreifen, nur mit etwa 2 cm erheblich breiter. Wir sammelten die Stanniolbündel und daraus konnte man dann mit etwas Geschick richtige Lamettastreifen für den Christbaum herstellen. Die Zivilbevölkerung hatte ursprünglich keine Ahnung, weshalb die Stanniolbündel abgeworfen wurden. Man erfuhr es aber bald: Der sog. Düppelabwurf der Stanniolstreifen hatte zur Folge, dass deutsche Radargeräte gestört wurden.


Anfangs 1945 verschlechterte sich die allgemeine Lage massiv: Wasserleitungen, Wasserwerke, stromführende Leitungen und Elektrizitätswerke wurden von Bomben getroffen, mit der Folge, dass Strom nur noch stundenweise verfügbar war und Wasser in den Haushaltungen auf Vorrat in großen Behältern - für den Fall des Ausfalls der Wasserversorgung - bereitgehalten werden musste. In den letzten 4 Monaten des Krieges verknappten sich Lebensmittel und alle Waren des täglichen Bedarfs. Allmählich gab es immer weniger zu essen. Der Hunger hielt Einzug in Deutschland. Das Kriegsende wurde herbeigesehnt; der Durchhaltewillen der Bevölkerung war gebrochen!


Hamstern

Der Begriff "Hamstern" wurde ursprünglich vom Reichspropagandaminister Goebbels während der NS-Zeit geprägt und sollte diejenigen anprangern und kriminalisieren, die ähnlich dem Hamster Vorräte anhäuften und diese damit der "Volksgemeinschaft" entzogen.


Während des Krieges wurde wegen der unsicheren Versorgungslage alles gekauft, was gerade vorrätig war. Gab es irgendwo Fahrradschläuche, dann kaufte auch die 80 jährige alte Dame, die gar kein Fahrrad hatte, soviel Fahrradschläuche wie sie ergattern konnte. Und damit wurde dann während des Krieges getauscht. Für mehrere Fahrradschläuche bekam man problemlos eine passende Röhre für den Volksempfänger.


Auch bei Sonderzuteilungen an Lebensmitteln, die es während des Krieges immer wieder einmal gab, "schlug jeder zu". Kein Wunder, dass die Geschäfte nach kürzester Zeit hinsichtlich der Artikel der "Sonderzuteilung" ausverkauft waren. Heute steht fest, dass Hamstern und Tauschwirtschaft in den letzten Jahren des Krieges massiv zunahmen und die Mangelwirtschaft nur noch verschärften.


Im Oktober 1944 fuhr meine Mutter zum wiederholten Male mit der Bahn nach Geltendorf in Oberbayern, um dort zu "Hamstern". Sie erkannte damals ziemlich schnell, dass man von den Bauern gegen Geld kaum Eier, Mehl und sonstige Nahrungsmittel bekam. Man musste Tauschhandel betreiben, nur dann klappte das Hamstern.


Über einen Verwandten, der in einer Essigfabrik beschäftigt war, bekam sie Essig und diverse Gewürze wie Majoran und Kümmel. Mit solchen Dingen war sie dann bei ihren Hamsterfahrten durchaus erfolgreich. Vor allem auch deswegen, weil die Bauern bei ihren Schlachtungen Essig und Gewürze für die Herstellung diverser Würste benötigten.


Bei dieser Hamsterfahrt im Oktober 1944 war meine Großmutter bei uns zu Besuch. Wir erlebten schon am Tage einen massiven Bombenangriff auf Augsburg. Nahe gelegene Kasernenanlagen, Fabriken und ein Proviantamt der Wehrmacht brannten damals lichterloh. Meine Mutter wäre normalerweise um 20 Uhr wieder zu Hause gewesen. Sie kam aber nicht - weder um 21 Uhr noch um 23 Uhr. Erst kurz vor Mitternacht kam sie mit ihrem Rucksack daheim an. Aufgrund der Bombenangriffe auf Bahnanlagen wurde der Zugverkehr etwa 12 km vor Augsburg eingestellt. Und diese lange Wegstrecke musste meine Mutter damals dann zu Fuß gehen.

Die Plakate stammen aus der Kriegszeit. Das Foto nimmt Bezug auf die damaligen "Hamsterfahrten" mit der Bahn.

Quelle: Bundesarchiv


Kriegsweihnachten 1944

Nach damaligen Presseberichten war der Heilige Abend im sechsten Kriegsjahr in weiten Gebieten des Deutschen Reiches vom Heulen der Sirenen und in den Grenzgebieten vom Schlachtenlärm begleitet. Die noch nicht zerstörten Kirchen waren überfüllt.


Mein Vater war Ende 1944 als Leutnant bei einer norddeutschen Division (Die 57. ID gab es ja nicht mehr) im Großraum Gumbinnen (Ostpreußen) eingesetzt.


Um die Weihnachts- und Neujahrszeit 1944/45 herrschte an der Ostfront, in Polen und im östlichen Ostpreußen relative Ruhe, von wenigen Scharmützeln abgesehen. Die Frontlinie verlief relativ stabil von der Ostseeküste bis in die Karpaten, dazwischen der »Große Weichselbogen«. Dies war ganz offensichtlich die trügerische Ruhe vor dem Sturm.


Auf russischer Seite wurde bereits für die Großoffensive im Januar 1945 aufgerüstet. Dies geschah an 3 großen Brückenköpfen: Magnussew, Pulawy und Baranow auf dem Ostufer der Weichsel.


An dieses Weihnachten 1944 kann ich mich noch gut erinnern. Geschenke gab es praktisch keine. Die Versorgung mit Lebensmitteln war schon ziemlich schlecht und eine weihnachtliche Stimmung kam wegen der ständigen Bombenangriffe und Stromsperren nicht auf. Man ahnte schon, dass dieser Krieg nicht mehr allzu lange dauern wird.


Etwas überraschend wurden dann die "Soldatenfrauen mit ihren Kindern" von der Orts-Frauenschafts-Leiterin der NS-Frauenschaft (es war wohl am 26.12.1944) zu einer Weihnachtsfeier im Saal eines HJ-Heimes eingeladen. Der Andrang war damals gewaltig. Für die Mütter gab es sogar Bohnenkaffee und für uns Kinder Kakao sowie Plätzchen und Stollen. Man sang gemeinsam Weihnachtslieder; alle Kinder bekamen dann eine recht große Tüte mit Äpfeln, Plätzchen, Trockenobst und Haselnüssen. Nur Schokolade war nicht dabei!


Die NS-Frauenschaft als Organisation der NSDAP hatte es damals wohl schon aufgegeben, Frauen dazu zu bewegen, der NSDAP beizutreten. Man appellierte aber anlässlich dieser Feier an die "Soldatenfrauen", nach Möglichkeit der Gemeinschaft "zu helfen". Man suchte Schaffnerinnen für die Bahn und Trambahn, Hilfskräfte für die Reichspost und u.a. auch Helferinnen für den Bahnhofsdienst. Meine Mutter ließ sich dazu überreden, beim Bahnhofsdienst mitzuarbeiten. Das war die Nachfolgeorganisation der Bahnhofsmission unter der Leitung der NS-Frauenschaft. Von Januar bis anfangs April 1945 arbeitete dort meine Mutter nachmittags mehrmals in der Woche. Augsburg war damals Endpunkt und auch Durchgangsbahnhof für Verwundeten- und Flüchtlingstransporte, die es zu versorgen galt.


Eine Überraschung erlebte meine Mutter nach dem Krieg beim Entnazifizierungsverfahren. Wegen ihrer Tätigkeit beim Bahnhofsdienst geriet sie in den Verdacht, Parteimitglied gewesen zu sein. Sie musste damals viel Nervenkraft unter Beweis stellen, bis Ende 1946 "amtlich" feststand, dass sie nicht Mitglied der NSDAP war!


Die "NS-Frauen-Warte" diente der parteipolitischen Propaganda der NSDAP und der NS-Frauenschaft. Interessant sind in diesem Zusammenhang die Ausgaben der Zeitschrift an Weihnachten 1943 und Weihnachten 1944. Während man 1943 noch atheistisch ausgerichtet war und das Wort "Weihnachten" vermied und stattdessen von der "Wintersonnenwende" faselte, war das 1944 völlig anders. Im Dezember 1944 konnte man kaum noch die Siegeszuversicht vom Endsieg unters Volk bringen. Das wussten die Parteiorgane damals ziemlich genau. Es galt im Dezember 1944 nur noch, seitens der Partei zu versuchen, einen gewissen Zusammenhalt des Volkes bis zum bitteren Ende des Krieges zu gewährleisten.

Nun tauchten in der "NS-Frauen-Warte" zu Weihnachten 1944 Texte auf, die geradezu religiös wirken:

...Trotz Kampf, Krieg und Tod bleibe uns Weihnachten - das Fest der Liebe - und der gläubigen Herzen....

Und wohl an Kinder gerichtet:

...Kaltes Haus und hartes Brot - laß das Fragen gehen. Einmal wirst du alle Not gut und recht verstehen....


Die letzten Tage des "Dritten Reichs"

Es war im April 1945: Selbst wir Kinder wussten, der Krieg ist bald zu Ende. Die Vorbereitungen, die unsere Mütter trafen, waren eindeutig. Hakenkreuzfahnen wurden verbrannt. Bücher der NS-Zeit (z.B. Mein Kampf) traf vielfach das gleiche „Schicksal“.

Von größeren Buben und von Erwachsenen wusste ich, dass die Amerikaner, die unsere Gemeinde in einigen Tagen besetzen werden, überwiegend „schwarze Neger“ sind. Ich hatte wie alle Buben im Vorschulalter kaum Spielsachen. Was ich hatte, waren Soldaten aus Ton aller Waffengattungen und ein Lazarett mit Ärzten, Sanitätern und vielen Verwundeten. Kinder hatten seinerzeit durchaus ein Gefühl, was künftig bei den Amis erlaubt und verboten sein wird. Ich entschloss mich kurzerhand, aus meinen deutschen Soldaten „Amis“ zu machen und strich deren Köpfe mit Wasserfarbe schwarz an.

Die Erwachsenen, es waren überwiegend Frauen, weil selbst Jugendliche und alte Männer zur Wehrmacht bzw. zum Volkssturm eingezogen waren, wurden in den nächsten Tagen immer aufgeregter, da sie wussten, in 2 Tagen werden die Amerikaner da sein. In diesen Tagen voller Ungewissheit, was nun kommen wird, trafen meine Mutter und Frauen aus der Nachbarschaft, den Entschluss, den „Endsieg“ zu feiern. Meine Mutter hatte genügend Eier und eine Nachbarin Schnaps. Daraus bereiteten die Frauen Eierlikör. Sie feierten bei flotter Swing-Musik, den sie über „Feindsender" hörten, lautstark und ausgelassen.

Am nächsten Morgen, ein grauer und nebliger Apriltag, war die Welt verändert. Man hörte das Grollen von schweren Waffen, es klang wie ein Gewitter. Auf der Straße vor unserem Haus war von Soldaten der Wehrmacht eine Panzersperre errichtet worden. An dieser Panzersperre schoben etwa 6 junge Soldaten Wache. Unsere Mütter hatten Angst, dass wegen dieser Panzersperre das Wohngebiet zum Kampfgebiet werden könnte. Mehrere aufgeregte Frauen verhandelten mit den Soldaten. Diese Soldaten waren sich selbst überlassen, da sich ihre Unteroffiziere und Offiziere bereits abgesetzt hatten. Die Soldaten ließen sich nicht lange bitten, ihre Waffen wegzuwerfen, ihre Uniformen auszuziehen und in den Häusern vorläufig unterzutauchen. Die Frauen brachten Zivilkleidung für die Soldaten. Ihre Uniformen und Waffen warfen sie in einen schlammigen Abwassergraben. Die Frauen nahmen dann die Soldaten mit in die umliegenden Häuser.

In unserem Keller, der gleichzeitig der Luftschutzkeller des Hauses war, wurde für 2 Soldaten ein Versteck vorbereitet. Brennholz, das an einer Kellerwand aufgeschichtet war, wurde mit einem Abstand von etwa 80 cm neu aufgeschichtet und dahinter konnten sich die Soldaten dann verstecken, wenn die US-Truppen eintrafen.


Die Amerikaner sind da!

Die Nacht vom 27. auf den 28. April 1945 verbrachte ich mit meiner Mutter, der Hausbesitzerin und deren 3 jährigem Buben sowie den beiden ehemaligen Soldaten in unserem Keller. Dieser Keller, der gemeinsame Luftschutzkeller des Hauses, war mit dicken Brettern an der Kellerdecke und Balken abgestützt. In dieser Nacht war an Schlaf nicht zu denken. Die US-Truppen standen auf einer Anhöhe, dem sogenannten Sandberg, etwa 4 km. von unserer Gemeinde entfernt und schossen mit Panzern und schweren Geschützen in Richtung unseres Ortes und Augsburg. Der Luftdruck war so groß, dass die im Keller aufgestellten Notlichter (sog. Hindenburglichter - heute würde man sagen es waren Grablichter - in einem roten durchsichtigem Kunststoffglas) ständig flackerten und ausgingen. Die Granaten schlugen verdächtig nah ein. Am frühen Morgen trat dann endlich Ruhe ein.


Kurz bevor die US-Truppen einmarschierten wurden die Häuser mit weißen Bettlaken, die an Besenstielen befestigt waren, versehen. Die Deutschen waren zur „Übergabe bereit“.

Am Morgen des 28. April, so gegen 7 Uhr war es dann soweit, die Amerikaner waren da. Nahe an unserem Wohngegend lag ein Exerzierplatz. Militär war mir deshalb nicht fremd. Deutsche Soldaten sah ich immer wieder zum Exerzierplatz marschieren. Die Amerikaner marschierten aber nicht, sie kamen in endlosen Kolonnen mit Jeeps, Lkws und Panzern. Es waren Tausende von Soldaten, die durch unsere Gemeinde fuhren. Die Durchfahrt dauerte den ganzen Tag. Den Deutschen war untersagt, die Häuser zu verlassen. Strom und Wasser waren abgesperrt. Gott sei Dank hatte meine Mutter eine Badewanne in der Waschküche zuvor mit Wasser gefüllt, so dass wir nicht auf dem Trockenen saßen.


Drei Tage herrscht Ausgangssperre und während dieser Ausgangssperre durchsuchten amerikanische Soldaten die Häuser nach Wehrmachtsangehörigen und Waffen. Drei US-Soldaten, bis an die Zähne bewaffnet, durchsuchten das ganze Haus. Einer der Soldaten sah ein Bild meines Vaters in Wehrmachtsuniform, das an der Wand hing, schrie für uns unverständliche Worte, riss das Bild von der Wand und warf es zu Boden. Dann suchten er nach einem Radioapparat. Wir hatten aber keinen in der Wohnung, den hatte meine Mutter in der Nacht im Garten, gut verpackt in Ölpapier, vergraben. Die Amerikaner verließen dann die Wohnung. Weggenommen wurde uns Gott sei Dank nichts.

Nach dem Ende der Ausgangssperre durften wir wieder für einige Stunden am Tag das Haus verlassen. Man versuchte, die notwendigen Lebensmittel zu beschaffen und bekam tatsächlich Brot und etwas Magermilch. Den gesamten Häusern in der Nachbarschaft fehlten die Gartentürchen, die hatten übermütige Amerikaner ausgehängt und am Straßenrand aufgeschichtet.

Kriegsende - und wie Soldaten die Schrecken des Krieges verarbeiteten...

Mein Vater wurde im Februar 1945 in Ostpreußen schwer verwundet (Nierenbeckendurchschuss). Er lag zuerst im Kriegslazarett Zobbot und danach im Reservelazarett Rosenheim. Anfangs April 1945 wurde mein Vater von einem Stabsarzt "kriegsverwendungsfähig" (kv) geschrieben, obwohl seine Verwundung nicht ausgeheilt war. Er bekam einen Marschbefehl zu einer sogenannten Alarmeinheit in München. Aber die US-Truppen rückten derart schnell vor, dass München bereits von den Amerikanern besetzt war, als er seine Bahnreise antreten sollte.

Mit viel Glück entging mein Vater der Kriegsgefangenschaft und konnte in den Wirren der letzten Kriegstage sein Zuhause erreichen. Die Städte lagen in Schutt und Asche; die Nahrungsmittelversorgung war nach Kriegsende praktisch zusammengebrochen. Aber man war damals schon froh, wenigstens in einer von Bombenangriffen unbeschädigten Wohnung leben zu können. "Endlich keine Bombenangriffe mehr!" Dieser Satz war damals fortwährend zu hören. Die Menschen fassten wieder Mut nach dem schrecklichen Krieg und lebten nach dem Motto: Es kann nur besser werden....

Die US-Militärregierung entfernte nach Kriegsende Mitglieder der NSDAP aus allen öffentlichen Ämtern und Großbetrieben. Eingesetzt wurden sogenannte Gegner des Systems - auch Kommunisten, die vielfach bei Behörden das Sagen hatten. Ehemalige Unteroffiziere und Offiziere der Wehrmacht nannten diese "neuen Führungskräfte" abwertend Faschisten bzw. Militaristen. Aber allmählich kehrte auch im Nachkriegsdeutschland - schon zu Ende des Jahres 1945 - wieder eine gewisse Ordnung ein.

Den ehemaligen Soldaten der Wehrmacht bereitete es gewisse Probleme, die schrecklichen Ereignisse des Krieges zu verarbeiten. Mein Vater hatte noch Jahre nach Kriegsende schlimme Träume, die dann immer wieder die Ostfront in Erinnerung brachten. Trotz vieler Schwierigkeiten in den ersten Jahren nach dem Krieg verarbeitete die Masse der Soldaten ihre Kriegserlebnisse durchaus gut. Sie sprachen oft über ihre Erlebnisse. Bei jeder Feier oder irgendwie gearteten Veranstaltung saßen die Veteranen zusammen und tauschten ihre Erlebnisse aus. Für mich als Junge war einiges gewöhnungsbedürftig, weil vielfach Begriffe des Soldatenjargons (Iwan, Spieß, Oberschnäpser, Zwölfender, Zigeuner-Artillerie, Obergefreiten-Dienstweg, Latrinenparole usw.) bei diesen Gesprächen fielen. Mein Vater klärte mich jedenfalls auf und so konnte ich bald mit diesen Begriffen etwas anfangen. Bis Mitte der 50er-Jahre waren solche Gespräche unter ehemaligen Soldaten gang und gäbe. Die Ehefrauen hatten weniger Verständnis für solche Gesprächsthemen und jammerten vielfach: "Mein Gott, jetzt reden die schon wieder vom Barras!"

Was mir damals auffiel, war der durchaus versöhnliche Ton, wenn es um Soldaten der Roten Armee ging. Man sprach immer nur vom "Iwan", von seinen Fähigkeiten als Soldat und seinem Durchhaltewillen. Vielfach ging es auch um Waffen und Ausrüstung der Roten Armee, die nach den damaligen Aussagen der Veteranen oftmals besser waren als die vergleichbaren Dinge der Wehrmacht. Eine Besonderheit dieser Unterhaltungen ehemaliger Soldaten der Wehrmacht war die Tatsache, dass die Gesprächspartner möglichst zur gleichen Waffengattung gehören mussten. Infanteristen unterhielten sich kaum über ihre Kriegserlebnisse mit ehemaligen Angehörigen der Marine oder der Luftwaffe; volkstümlich gesagt: "Man blieb unter sich!"


Diese "Gespräche" waren wohl für alle Beteiligten "hilfreich". Die ehemaligen Soldaten der Wehrmacht verarbeiteten damit auch die schlimmen Kriegserlebnisse!

Entlassungslager Biessenhofen

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Mein Vater hatte nach dem Krieg Glück bei der Arbeitssuche. Schon Ende Juli 1945 hatte er einen Arbeitsplatz "ergattert." Die neue Arbeitsstelle konnte er aber erst antreten nach den Entlassungsformalitäten der US-Armee in Bayern. Zu diesem Zweck wurde von der 7. US-Armee in Biessenhofen (Ostallgäu) das "Demobilization-Center" eingerichtet. Etwa 50.000 Soldaten der Wehrmacht erhielten dort ihre Entlassungspapiere. Dieses Lager wurde von Anfang Mai 1945 bis November 1945 betrieben.

Mein Vater fuhr damals mit dem Fahrrad nach Biessenhofen. Es verging eine Woche - und mein Vater war immer noch nicht zu Hause. Erst nach 9 Tagen war er dann zurück. Meine Mutter war damals in großer Sorge, zumal Gerüchte im Umlauf waren, dass die US-Armee im Einzelfall Soldaten, die im Osten im Kriegseinsatz waren, an die Sowjets ausliefern könnte.

Von meinem Vater erfuhren wir dann, warum er so lange in Biessenhofen bleiben musste. Er wurde damals von einem jungen US-Offizier, der fließend deutsch sprach, eingehend vernommen. Bei meinem Vater wurde alles in Frage gestellt: seine Einheit, die Richtigkeit des Soldbuches....

Der Grund der genauen Überprüfung war die Suche der Amerikaner nach einem deutschen Oberleutnant mit einem fast gleichen Namen, dem Kriegsverbrechen angelastet wurden. Nach Ende der Woche im Lager traf mein Vater auf einen Kriegskamerad seines Bataillons, der ihn kannte und im Rahmen einer eidlichen Versicherung die Korrektheit seiner Einheit und sonstiger Daten bestätigte. Damit konnte er endliche seine Entlassungspapiere erhalten und seine Heimfahrt mit dem Fahrrad antreten.

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